Marr, Stefanie: Für Kunstunterricht. Einführung in die Grundlagen der Kunstpädagogik. Drei Bände.
Eine Rezension von Svetlana Magenheim Gegg
Man stelle sich vor: die Kunstpädagogik – ein verblasstes, monumentales Wimmelbild, das darauf wartet, freigelegt und neu betrachtet zu werden. Stefanie Marr breitet das notwendige Instrumentarium zur Restaurierung aus – mit der Einladung, das lebendige Mosaik weiter zu denken.
Im Jahr 2023 erschien die von Stefanie Marr verfasste Einführung in die Grundlagen der Kunstpädagogik. Die umfassend recherchierte und sprachlich klar und unterhaltsam dargebotene Ausgabe umfasst drei Bände, in denen nicht nur eine Zusammenstellung zahlreicher zentraler, in der Schule praktizierten pädagogischen Konzepte – samt einer weitestgehend wertfreien Untersuchung nach ihren Stärken und Schwächen – dargelegt wird. Darüber hinaus argumentiert die an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg lehrende Professorin mit Stellungnahmen und Positionen einiger bekannter Kunstpädagog:innen, Wissenschaftler:innen, Künstler:innen und sogar ihrer Studierenden, um Eigentümlichkeiten des Faches, die Kernaufgaben des Kunstunterrichts und vor allem die Komplexität des künstlerischen Prozesses zu erfassen. Die jeweiligen Ausführungen unterfüttert sie sehr anschaulich mit einer Vielzahl von Abbildungen.
Diese dreibändige Einführung in die Grundlagen der Kunstpädagogik habe ich als bereits erfahrene Kunstlehrerin in die Hände bekommen. Immerhin gilt es ja, sich immer wieder selbst als Lehrperson in Frage zu stellen, die eigene fachdidaktische Ausrichtung zu reflektieren und natürlich die historischen wie auch die gegenwärtigen Konzepte zu kennen. Spätestens nach dem ersten Band nahm ich einen Notizblock zur Hand und fing an, meine eigenen Gedanken und Fragen zu notieren, denn die multiperspektivische Untersuchung der beiden Disziplinen – Kunst und Pädagogik – liefert viele Denkanstöße. Einige der Fragen, die im Text aufgeworfen wurden, führten meinerseits zu Denkprozessen, die manches auf den Kopf stellten, was ich vorher für selbstverständlich hielt. Kurz gesagt waren sie für mich nicht nur auf eine didaktische Art erhellend, sondern sensibilisierten meine eigene Wahrnehmung auf ganz vielfältige Weise. Das lässt den Schluss zu, dass es von vornherein die Absicht der Verfasserin gewesen sein muss, einen Raum für den Fachdiskurs zu schaffen (B.1, S.19ff.).
Im ersten Band Selbstverortung zwischen Kunst und Pädagogik beleuchtet Stefanie Marr die Reibungspunkte wie auch die Bedingungszusammenhänge der zwei miteinander verwobenen Disziplinen Kunst und Pädagogik. Selbst wenn die „Unvorhersehbarkeit“ ein maßgebendes Merkmal der Kunst ist, deren Ziel es ist, eigenständiges Denken zu fördern, bedarf es dennoch einer ausgeklügelten Fachdidaktik. Diese muss Methoden umfassen, die sowohl das theoretische und praktische Kunst-Wissen als auch das bildnerische Denkvermögen der Schülerinnen und Schüler schulen (B1., S.51ff., 152ff.). An dieser Stelle wird der Fachunterricht gesondert in den Fokus genommen. Stefanie Marr wirft die Frage auf, inwiefern das Fach einen Beitrag zur Allgemeinbildung leistet, vor allem in Anbetracht der aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen (B1., S.59ff.). Des Weiteren erläutert sie zum einen die Aufgaben und zum anderen die notwendigen Qualifikationen einer Kunstlehrkraft. Die künstlerischen Fähigkeiten sind, zusammen mit dem kunstwissenschaftlichen Wissen, die Kernkompetenzen für einen kunstgemäßen Unterricht, bei dem die Schüler:innen adäquat dazu angeregt werden können, selbstständig gestalterisch tätig zu werden. Allerdings wird jede pädagogische Haltung, wie auch das künstlerische Proprium unterrichtender Künstler:innen durch die jeweils herrschende Zeit mit all ihren fortschrittlichen wie auch rückwärtsgewandten Entwicklungen in Politik und Sozialem beeinflusst. Es gilt, sich dieser Tatsache stets bewusst zu sein. Der erste Band endet mit einem Fragekatalog zur Kunstvermittlung. Diese „Fragen ohne Antworten“, die jede/r persönlich für sich beantworten darf, markieren die Eckpunkte für eine tief- und feinsinnige Reflexion des eigenen pädagogischen Denkens und Handelns (B.1, S.262ff.).
Der zweite Band widmet sich der Geschichte des Kunstunterrichts. Dennoch wird die Zusammenstellung der bis heute praktizierten pädagogischen Konzepte nicht hauptsächlich chronologisch wiedergegeben, sondern stets mit der Gegenwart verknüpft und aus ihr heraus bewertet. Diese Vorgehensweise rechtfertigt das Vorhaben Stefanie Marrs „die Herkunft für die Zukunft“ zu nutzen (B.2, S.12). Im Wandel der Zeit haben die Kunstpädagog:innen diverse Ziele verfolgt und dementsprechend daraus nicht nur ihre Fachinhalte, sondern auch ihre Methodik abgeleitet. Die finale Erkenntnis ergibt, dass wir, die wir aus der Vergangenheit gelernt haben, sozusagen wieder am Nullpunkt angelangt sind, von dem aus viele neue Wege bzw. pädagogische Positionen mit Bedacht gesponnen werden können und sollen. Welchen Stellenwert sollen nun die folgenden historischen Schwerpunktsetzungen in unserer aktuellen Fachentwicklung erhalten? Die Schulung der handwerklichen Fertigkeiten, die Förderung einer ästhetischen Bildung, das Setzen auf ökonomische Bildungsorientierung, die Verwendung reformkunstpädagogischer Ansätze, die Herausbildung des Geschmacks, die Nutzung des Kunstunterrichts für propagandistische Zwecke, die Betrachtung des Kunstunterrichts als Zugang zur Lebenswirklichkeit, die Ausbildung des Kunstverstandes durch Vermittlung von Grundqualifikationen (Bauhauslehre), die Akzentsetzung auf musische Bildung mit bewusster Entpolitisierung des Unterrichtsstoffes, die Versachlichung des Kunstunterrichts durch klar definierte formale Vorgaben (Formaler Kunstunterricht), die Ausbildung der Wahrnehmungsfähigkeiten in der durch Massenmedien geprägten Welt (Visuelle Kommunikation) oder gar die Auslagerung/Verschiebung des Unterrichts auf die Umwelt, die als „Material“ zur Umgestaltung begriffen wird (Aktionistische Kunstpädagogik)? Denn – ob wir es wollen oder nicht –der Kunstunterricht geht in der Schule immer mit einer „Enkulturation“ des Lernsubjekts einher (B.2, S.96; B.1, S.59ff.), geprägt durch Bildung oder Erziehung.
Stefanie Marr schließt ihren dritten Band Positionen der Gegenwart für die Zukunft mit einem Nachwort, in dem sie Gedanken aufgreift, die sie bereits im Jahr 2000 anlässlich einer Tagung formulierte. Das Motto dieser Tagung lautete „Rahmen aufs Spiel setzen“, wobei der Rahmen – als Metapher für eine kunstpädagogische Strategie – im Mittelpunkt steht. „Die einrahmende Person trägt die Verantwortung für eine angemessene Rahmung“, heißt es in ihrem Text. Besonders betont sie, dass „der Rahmen dem Bild zu dienen habe“ (B.3, S.329ff.).
Wie wollen wir nun, im 21. Jahrhundert, die Kunst unterrichten? Ist die Kunstgeschichte mit ihrem Bilderkanon (immer noch) eine unverrückbare Größe oder eher die künstlerische Praxis, samt ihrer spezifischen Denk- und Handlungsweisen? Wie lässt sich die Vermischung von Kunstgeschichte und Kunstpraxis am besten realisieren (B.3, S. 43ff.)? Wodurch können die Schüler:innen eine eigenständige, sinnliche Kunsterfahrung machen, die sie dazu motiviert, selbstgesteuert zu arbeiten (B.3, S.77ff.)? Wie gestalten wir unseren Unterricht, sodass die Schüler:innen Handlungsspielräume bekommen, die sie für eine eigenverantwortliche Selbstbildung benötigen (B.3, S.164)?
Seit den 1990er Jahren wird Kunstpädagogik von der Kunst her entwickelt (B.3, S.201). Die intensive Auseinandersetzung mit einem Thema, Problem oder einer Frage, von Helga Kämpf-Jansen z.B. als Ästhetische Forschung bezeichnet, ist mehr oder weniger die Basis für viele weitere Ansätze (wie z.B. für Klaus-Peter Busses Mapping). Es geht darum, Dinge im Detail zu ergründen, ihre Zusammenhänge zu erkennen, um daraus neue Erkenntnisse zu gewinnen. Carl-Peter Buschkühle begründete 2007 ebenfalls ein von der Kunst ausgehendes Konzept der Künstlerischen Bildung im künstlerischen Projekt, das nach wie vor breite Akzeptanz genießt (B.3, S.201; B.1, S.207).
Gemäß diesen Methoden besteht die hauptsächliche Aufgabe der Lehrkraft darin, Raum und Möglichkeit für eine individuelle Auseinandersetzung zu bieten, die künstlerischen Prozesse anzuleiten und die Schüler:innen dabei unterstützend zu begleiten. Natürlich sollen die Lehrkräfte auch theoretisches Wissen in Form von Kunstgeschichte und handwerklichen Grundfertigkeiten vermitteln, was profundes Fachwissen und Können voraussetzt. Im Idealfall sind die Kunstlehrkräfte daher nicht nur Pädagog:innen, sondern gleichzeitig auch aktive Künstler:innen.
Fazit
Die Besonderheit dieser Einführung in die Grundlagen der Kunstpädagogik liegt zum einen in dem mehrperspektivischen Erfassen des Gegenstandes „Kunst-Pädagogik“. Das Zitieren vieler Meinungen von Expert:innen, die Offenlegung der Teilaspekte im Zusammenwirken der jeweiligen Bezugswissenschaften, wie auch das Aufzeigen der Entwicklung des Faches offenbaren zusammen mit wohlüberlegten Fragestellungen die Komplexität des Faches. Dies spiegelt sich auch nicht zuletzt in dem aus vier Darstellungsebenen bestehenden Aufbau des Buches wider: Fließtext, Exkurse, Fußnoten und Abbildungen (An dieser Stelle hervorzuheben ist die Tatsache, dass alle Ebenen gleichermaßen spannende und wertvolle Informationen enthalten.) Ein solcher Aufbau erlaubt es, die im ersten Band angeschnittenen Themen auch in den beiden Folgebänden immer wieder aufzugreifen und sie mit weiteren Teilaspekten anzureichern – wie ein verpixeltes Bild, das von Band zu Band immer mehr Schärfe, Kontur und Tiefe bekommt.
Die zweite Besonderheit besteht darin, dass die Verfasserin ihre eigene Sichtweise auf sehr subtile Art vermittelt und es vermeidet, ihren Leser:innen Denkvorschriften zu machen. Gleichwohl wird unmissverständlich klar, dass für sie die Kunst, beziehungsweise die kunstnahe Praxis, den zentralen Fachgegenstand ausmacht, auch wenn sie die Bedeutung anderer kunstpädagogischer Ansätze anerkennt, in denen der künstlerische Prozess nur als eine von mehreren tragenden „Säulen“ des Faches angesehen wird. Lernen und Lehren sollen ganzheitlich angegangen werden (B.2, S.311).
Diese eher wertneutrale und sachliche Haltung der Verfasserin ermöglicht es den in der Kunstpädagogik beschlagenen Leser:innen, sich mit der eigenen pädagogischen Haltung auseinanderzusetzen, ohne von Geboten und Anweisungen geleitet zu werden. Stattdessen regt die Lektüre buchstäblich dazu ein, mit der Verfasserin ein fiktives Zwiegespräch zu führen, infolgedessen sich der eigene Standpunkt herauszukristallisieren vermag.
[1] (Bielefeld: Athena bei wbv, 2023, ISBN 978–3-7639–7431-3 )
Band 1: Selbstverortung zwischen Kunst und Pädagogik
Band 2: Geschichte des Kunstunterrichts: Anschlussstellen für zeitgenössische Kunstpädagogik
Band 3: Kunstpädagogische Positionen der Gegenwart für die Zukunft