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Sweetspot

Benjamin Djamel Belhocine

[Beitrag als pdf]

Der Laden hob sich durch seine Unord­nung von den in der Straße benach­barten Geschäften ab. Die durch Zeitschal­tuhren anges­teuerten Halo­gen­lam­p­en sorgten dafür, dass sein Schaufen­ster zur nächtlichen Stunde eine Lich­tung für den gemeinen Nachtschwärmer wurde. Wie ein großes Aquar­i­um tat er sich zur Straße hin auf und bot den vor­beiziehen­den Augen­paaren eine willkommene Abwech­slung: Der Boden war über­sät mit Kupfer­dräht­en, staubiger Mikroelek­tron­ik, Kalt­stromk­a­beln und Verteiler­buch­sen, Dich­tungsrin­gen unter­schiedlich­ster Größe und Farbe, eingeroll­ten Papier­bö­gen, Dutzen­den von Schallplat­ten, zerknüll­ten Taschen­tüch­ern, gebraucht­en Aschen­bech­ern und halb gefüll­ten PET-Flaschen, von denen einige mit ein­er flu­o­reszieren­den Flüs­sigkeit gefüllt waren. Zwis­chen diesen schnell als Müll verkan­nten Gegen­stän­den befan­den sich mehrere phal­lusar­tige Objek­te unter­schiedlich­er Größe und Farbe, die auf den ersten Blick an zu klein ger­atene Marterpfäh­le oder auf Minia­turen reduzierte Wassertürme erin­nerten. Sie reicht­en ein­er erwach­se­nen Per­son durch­schnit­tlichen Wuch­ses unge­fähr bis zum Brust­bein. Ließ man das Gesamt­bild auf sich wirken, wurde schnell klar, dass diesen Objek­ten in der Raumgestal­tung ein beson­der­er Stel­len­wert zukam, da sie durch mehrere, zusät­zlich zur Deck­en­beleuch­tung ange­brachte Büh­nen­lichter beson­ders in Szene geset­zt wur­den.

Man kan­nte den Besitzer des Ladens in der Stadt, nicht vom Sehen, vielmehr aus Erzäh­lun­gen. Der Tanz der Der­wis­che, die Prax­is des Ser­ma, seit Jahrhun­derten vom Mevle­vi Orden bewahrt und weit­ergegeben, aus­ge­hend von der Stadt Konya und ihrer Sufi-Sek­te, mit­tler­weile angekom­men in Kon­ti­nen­taleu­ropa und dort in die med­i­ta­tive und eso­ter­ische Prax­is aufgenom­men, fand seine Anhänger­schaft in jenen leicht ver­schroben wirk­enden Men­schen, Ver­fechtern der alter­na­tiv­en Leben­sprax­is, zu denen auch der Ladenbe­sitzer zählte. So fand man ihn manch­mal zur Mit­tagszeit auf den öffentlichen Grün­flächen der Stadt und zur anderen Stunde in abgele­ge­nen Waldge­bi­eten unter Auto­bahn­brück­en, umgeben von Jugendlichen mit geweit­eten Pupillen, sich, halb Men­sch, halb Kreisel, wie wild um die eigene Achse drehend.

Während seine in unseren Bre­it­en­graden dur­chaus als exzen­trisch gel­tende tänz­erische Prax­is auf manchen Par­tys Irri­ta­tion oder sog­ar eine gewisse Feindlichkeit her­vorgerufen hätte, beschränk­te er seine Teil­nahme auf ein rel­a­tiv kleines musikalis­ches Spek­trum, dessen Anhänger­schaft gemein­hin als fried­fer­tig und tol­er­ant gilt. So kan­nten ihn die meis­ten der in der Stadt behei­mateten Fans der elek­tro­n­is­chen Tanz­musik schon, die, würde man ihnen eine Eigen­beze­ich­nung abver­lan­gen, sich am ehesten mit dem Etikett des Ravers anfre­un­den wür­den.

Der Besitzer wies sich durch eine an der Laden­front ange­brachte Anschrift selb­st als Dipl. Ing. aus. Dem sich in der Mitte seines Fam­i­li­en­na­mens befind­en­den Dop­pelkon­so­nan­ten hat­te er auf dem Schild durch eine die Kon­ven­tion überge­hende Großschrei­bung einen beson­deren Stel­len­wert eingeräumt – gle­ich sein­er tänz­erischen Rou­tine eine eher unübliche Prax­is für einen der Regel nach Norm- und Richtwerten zuge­wandten Tech­niker. Gle­ich­wohl ließ sich ein gewiss­er Ein­fluss sein­er physikalisch-tech­nis­chen Bil­dung auf den von ihm prak­tizierten Lebenswan­del nicht leug­nen.

In ein­er Szene, in der ver­sucht wurde, der zunehmenden Kom­merzial­isierung und Vere­in­nah­mung prof­i­to­ri­en­tiert­er Akteure durch einen radikal gelebten Do-It-Your­self-Ethos ent­ge­gen­zutreten, waren Men­schen, die über tech­nis­ches Know-how ver­fügten, rar gesät und in Kon­se­quenz her­zlich willkom­men. Wer selb­st schon ein­mal Teil eines Raves war, weiß, dass es sich bei der tech­nis­chen Ausstat­tung des­gle­ichen nicht nur um ästhetis­ches Bei­w­erk, son­dern dur­chaus um eine essen­zielle Kom­po­nente han­delt, mit der das Gelin­gen ein­er Par­ty ste­ht oder fällt. Das Antreten ein­er nächtlichen Odyssee auf dem Sat­tel eines ros­ti­gen Stahlren­ners, die Schlaglöch­er des Wald­wegs, nur spär­lich beleuchtet durch den Mond oder das GPS-fähige Handy, das langsam näher kom­mende Ziel, nur zu lokalisieren durch die GMS-Koor­di­nat­en eines in ein­er Chat-Gruppe ver­bre­it­eten Fly­ers – oder alter­na­tiv: das ewige Warten in der Schlange vor dem Nacht­club, das Zit­tern um den Ein­lass in das unbekan­nte Innere, der kurze Moment des Stand­hal­tens unter dem kri­tis­chen Blick der Türste­herin, das anschließende Büh­nen­stück des Bag-Check­ings auf ille­gale Sub­stanzen – all das will belohnt wer­den. Umso mehr weiß man um die Ent­täuschung, wenn am Ende dieser Mühen keine aus­ge­lassene Par­ty, son­dern eine halb gefüllte Tanzfläche ste­ht, beschallt durch eine völ­lig über­s­teuerte Anlage, die es schafft, jeden noch so guten Track auf die basal­sten Fre­quen­zen zu verdicht­en. Um der­lei Erfahrun­gen zu ver­hin­dern, hat­te sich der in geistlichen wie weltlichen Belan­gen gle­icher­maßen geschulte Ladenbe­sitzer dem Sich­er­stellen der ele­men­tarsten Infra­struk­tur jen­er Ver­anstal­tun­gen ver­schrieben – den Box­en.

Am Laden war neben dem Namenss­child ein zweites, kleineres, fast zu überse­hen­des Schild ange­bracht, auf dem in Großbuch­staben eine nüchterne Funk­tionskennze­ich­nung vorgenom­men wurde: HIFI-LAUTSPRECHERMANUFAKTUR.

Unter Szenekundi­gen kur­sieren Geschicht­en über den Teil des Ladens, der sich hin­ter dem Schaufen­ster ver­barg. Neben den auf Par­tys ver­bre­it­eten Anek­doten ließ sich in einem kleinen, deutschsprachi­gen Inter­net-Forum ein Bericht wiederfind­en, der eine dur­chaus ungewöhn­liche Erfahrung beschrieb:

Der Ein­trag des mit­tler­weile gelöscht­en Accounts begann mit der zufäl­li­gen Sich­tung des Laden­in­hab­ers vor seinem Schaufen­ster. Auf die Objek­te in der Fen­ster­front ange­sprochen, bat der Ladenbe­sitzer den Inter­essierten nach einem kurzen Gespräch, bei dem er sich trotz fehlen­der Exper­tise von dessen Inter­esse und Offen­heit überzeu­gen kon­nte, ins Innere. Der Besitzer wurde als ein in die Jahre gekommen­er, leicht ver­lot­tert wirk­ender, älter­er Mann beschrieben, dessen hageres Gesicht von einem lan­gen weißen Bart und ein­er rand­losen Brille mit Draht­gestell einger­ahmt wurde, hin­ter der klare, blaue Augen her­vor­blitzen. Er hat­te sich in sein­er Werk­statt­tätigkeit nach eige­nen Angaben dem Eli­m­inieren des schwäch­sten Glieds zwis­chen Laut­sprech­er und men­schlichen Höror­gan angenom­men: dem Wieder­gaber­aum. Durch die indi­vidu­elle, die Laut­sprech­er beherber­gende Umge­bung komme es zu Schall­re­flex­io­nen und zur Ver­stärkung einzel­ner Fre­quenzbere­iche, die ver­hin­derten, dass das wiedergegebene Medi­um in sein­er voll­ständi­gen Schärfe abge­bildet werde. Es sei möglich, diesem Prob­lem durch das Über­führen der Laut­sprech­er in das akustis­che Nah­feld zu begeg­nen, also in den Bere­ich um das Sin­nesor­gan, in dem es zu kein­er­lei Ein­flussnahme äußer­er Fak­toren komme. Die ide­ale Posi­tion für den Rezip­i­en­ten, so der Ladenbe­sitzer, ließe sich dabei rech­ner­isch bes­tim­men: Stelle man sich die zwei Aus­gabesys­teme eines Stere­osig­nals als Eck­punk­te eines gle­ich­seit­i­gen Dreieck­es vor, so lokalisiere der dritte zu berech­nende Eck­punkt die ide­ale Abhör­po­si­tion für das vorge­fun­dene Medi­um. Für diesen beson­deren Ort, an dem das akustis­che Erleben sich im Ver­hält­nis zu alter­na­tiv­en Rezep­tion­sorten in Tiefe, räum­lich­er Präzi­sion und Bril­lanz selb­st über­trifft, habe sich unter Audio­philen, so erläuterte er, die Beze­ich­nung des Sweet Spots einge­bürg­ert.

Nach dieser kurzen Ein­führung wurde der Gast in den hin­teren Teil des Ladens geführt, der sich vom Vor­raum vor allem durch seine klin­is­che Rein­heit abhob. Er beherbergte weit­ere der im Schaufen­ster präsen­tierten phal­lusar­ti­gen Objek­te, die von einem weißen, grellen Deck­en­licht aus­geleuchtet wur­den. Sie waren in präzisen ovalen Kreisen um einen met­al­lenen Stuhl mit draisi­ne­nar­tigem Unter­bau drapiert, der sich in der Mitte des Raumes befand. Ihr organ­is­ches Äußeres unter­schied sich, abge­se­hen von ihrer Far­bge­bung, nur durch Nuan­cen voneinan­der. Wie ein Fremd­kör­p­er hob sich der Stuhl von ihren natür­lichen For­men durch sein kaltes, auf reine Funk­tion­al­ität bedacht­es Antlitz ab. Der Boden war von ein­er Schicht fix­iert­er Kabel über­zo­gen, von denen einzelne unver­mit­telt in den Objek­ten ende­ten. Viel mehr war nicht zu sehen.

Der Ladenbe­sitzer forderte seinen Gast dazu auf, auf dem Stuhl Platz zu nehmen und erläuterte den weit­eren Fort­gang. Die Anord­nung sei ein Ver­such­sauf­bau, um den von ihm beschriebe­nen Effekt plas­tisch erleb­bar zu machen. Der auf Schienen geführte Stuhl ermögliche einen naht­losen Über­gang vom Fern- ins Nah­feld. Beim Ein­tritt in den Bere­ich des Sweetspots über­trage sich die audi­tive Dif­ferenz direkt auf die Qual­ität des sinnlichen Erlebens. Eine Erfahrung – und hier zwinkerte der Ladenbe­sitzer seinem Gast ver­schmitzt zu – die man nicht ver­mit­teln könne, son­dern selb­st machen müsse.

Der Gast fol­gte den weit­eren Instruk­tio­nen des Ladenbe­sitzers. Nach­dem er auf dem Stuhl Platz genom­men hat­te, wurde er von ihm durch einen unter­halb seines Bauchn­abels ver­laufend­en Gurt fix­iert. Erst als seine Frage, ob der­lei Vorkehrun­gen für das Vor­führen des Effek­ts über­haupt von­nöten seien, unbeant­wortet blieb, bemerk­te er, dass der Ladenbe­sitzer den Raum ver­lassen hat­te. Ab diesem Moment war ein dezentes, dann jedoch stetig anschwellen­des Sur­ren zu vernehmen, dessen Herkun­ft zweifel­los in den Objek­ten behei­matet war. Sich über immer größere Fre­quenzbere­iche aus­dehnend, wuchs es zu einem den Raum aus­fül­len­den Dröh­nen an. Plöt­zlich ver­nahm der Besuch­er wieder die Stimme des Ladenbe­sitzers, die nun eben­falls aus den Objek­ten zu ihm sprach. Der Stuhl werde sich nun langsam in Rich­tung des Sweetspots bewe­gen, dem anzus­treben­den Ziel jed­er akustis­chen Erfahrung.

An diesem Punkt wurde der Bericht bruch­stück­haft. Der Inter­net­nutzer erin­nerte sich nur noch an

den sich unter seinen Füßen bewe­gen­den Boden
das alles ein­nehmende Dröh­nen
einen Wider­stand
das Geräusch ein­er zu Boden fal­l­en­den Steck­nadel
ihr Auf­prall, lange Zeit nachk­lin­gend
der sich in die Weite auftuende Raum
das Lachen des Ladenbe­sitzers
die sich auf der Haut aufrich­t­en­den Haar­fol­likel und
das Ent­gleit­en des Bewusst­seins.

Damit fand der Bericht abrupt sein Ende.

In ein­er Szene, in der der Gebrauch psy­chotrop­er Sub­stanzen weit­flächig toleriert wird, war die Chance der Ein­flussnahme der­gle­ichen auf die Genese des Berichts nicht unwahrschein­lich. Den­noch über­schnitt die Darstel­lung sich mit einem Detail, das über die nächtliche Abendgestal­tung des Ladenbe­sitzers bekan­nt war. So erzählte man sich, wolle man es darauf anle­gen, der physis­chen Man­i­fes­ta­tion dieses Orig­i­nals zu begeg­nen, sei für dessen Auffind­en ein wichtiges Ele­ment der Erzäh­lung zu berück­sichti­gen:

Sei vor dem Betreten eines Raves die Gegen­wart des von Mythen umranke­nen Tänz­ers noch ungewiss, ließe sich der Ort sein­er poten­ziellen Anwe­sen­heit auf der Tanzfläche bere­its vor­ab mit math­e­ma­tis­ch­er Präzi­sion lokalisieren, an dem er sich seinen zu diesem Zeit­punkt noch hypo­thetis­chen Pirou­et­ten hingeben würde: Am Sweetspot, diesem beson­deren Ort, zu berech­nen durch den drit­ten zu bes­tim­menden Eck­punkt eines sich mit den Laut­sprecher­an­la­gen ergeben­den gle­ich­seit­i­gen Dreiecks, der ide­alen Abhör­po­si­tion für jede vorge­fun­dene Geräuschkulisse, an der das akustis­che Erleben sich im Ver­hält­nis zu alter­na­tiv­en Rezep­tion­sorten in Tiefe, räum­lich­er Präzi­sion und Bril­lanz selb­st über­trifft, eben genau dort, am einzig vorstell­baren Ort für einen Con­nais­seur dieser Art, dem Honig­topf jed­er Par­ty, sei es möglich, den um die eigene Achse rotieren­den Her­rn gle­ich einem sel­te­nen Natur­ereig­nis zu erblick­en.

Und sollte ich dem sich in sein­er kon­tem­pla­tiv­en Prax­is ver­lieren­den Tänz­er jemals auf einem mein­er Streifzüge durchs Nachtleben begeg­nen und sehen, wie er sich mit geschlosse­nen Augen und zur hin­duis­tis­chen Grußgeste erhobe­nen Hän­den seinen unendlichen Kreisen hin­gibt, werde ich kurz innehal­ten, meine Hände eben­falls zum Gruße erheben und ihm ein warmes Namaste ent­geg­nen.

  • 24. November 20253. Dezember 2025
2025.06.23 — Disharmonien
/duː bɪst aʊdi̯ oˈfoːp/
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