Sweetspot
Der Laden hob sich durch seine Unordnung von den in der Straße benachbarten Geschäften ab. Die durch Zeitschaltuhren angesteuerten Halogenlampen sorgten dafür, dass sein Schaufenster zur nächtlichen Stunde eine Lichtung für den gemeinen Nachtschwärmer wurde. Wie ein großes Aquarium tat er sich zur Straße hin auf und bot den vorbeiziehenden Augenpaaren eine willkommene Abwechslung: Der Boden war übersät mit Kupferdrähten, staubiger Mikroelektronik, Kaltstromkabeln und Verteilerbuchsen, Dichtungsringen unterschiedlichster Größe und Farbe, eingerollten Papierbögen, Dutzenden von Schallplatten, zerknüllten Taschentüchern, gebrauchten Aschenbechern und halb gefüllten PET-Flaschen, von denen einige mit einer fluoreszierenden Flüssigkeit gefüllt waren. Zwischen diesen schnell als Müll verkannten Gegenständen befanden sich mehrere phallusartige Objekte unterschiedlicher Größe und Farbe, die auf den ersten Blick an zu klein geratene Marterpfähle oder auf Miniaturen reduzierte Wassertürme erinnerten. Sie reichten einer erwachsenen Person durchschnittlichen Wuchses ungefähr bis zum Brustbein. Ließ man das Gesamtbild auf sich wirken, wurde schnell klar, dass diesen Objekten in der Raumgestaltung ein besonderer Stellenwert zukam, da sie durch mehrere, zusätzlich zur Deckenbeleuchtung angebrachte Bühnenlichter besonders in Szene gesetzt wurden.
Man kannte den Besitzer des Ladens in der Stadt, nicht vom Sehen, vielmehr aus Erzählungen. Der Tanz der Derwische, die Praxis des Serma, seit Jahrhunderten vom Mevlevi Orden bewahrt und weitergegeben, ausgehend von der Stadt Konya und ihrer Sufi-Sekte, mittlerweile angekommen in Kontinentaleuropa und dort in die meditative und esoterische Praxis aufgenommen, fand seine Anhängerschaft in jenen leicht verschroben wirkenden Menschen, Verfechtern der alternativen Lebenspraxis, zu denen auch der Ladenbesitzer zählte. So fand man ihn manchmal zur Mittagszeit auf den öffentlichen Grünflächen der Stadt und zur anderen Stunde in abgelegenen Waldgebieten unter Autobahnbrücken, umgeben von Jugendlichen mit geweiteten Pupillen, sich, halb Mensch, halb Kreisel, wie wild um die eigene Achse drehend.
Während seine in unseren Breitengraden durchaus als exzentrisch geltende tänzerische Praxis auf manchen Partys Irritation oder sogar eine gewisse Feindlichkeit hervorgerufen hätte, beschränkte er seine Teilnahme auf ein relativ kleines musikalisches Spektrum, dessen Anhängerschaft gemeinhin als friedfertig und tolerant gilt. So kannten ihn die meisten der in der Stadt beheimateten Fans der elektronischen Tanzmusik schon, die, würde man ihnen eine Eigenbezeichnung abverlangen, sich am ehesten mit dem Etikett des Ravers anfreunden würden.
Der Besitzer wies sich durch eine an der Ladenfront angebrachte Anschrift selbst als Dipl. Ing. aus. Dem sich in der Mitte seines Familiennamens befindenden Doppelkonsonanten hatte er auf dem Schild durch eine die Konvention übergehende Großschreibung einen besonderen Stellenwert eingeräumt – gleich seiner tänzerischen Routine eine eher unübliche Praxis für einen der Regel nach Norm- und Richtwerten zugewandten Techniker. Gleichwohl ließ sich ein gewisser Einfluss seiner physikalisch-technischen Bildung auf den von ihm praktizierten Lebenswandel nicht leugnen.
In einer Szene, in der versucht wurde, der zunehmenden Kommerzialisierung und Vereinnahmung profitorientierter Akteure durch einen radikal gelebten Do-It-Yourself-Ethos entgegenzutreten, waren Menschen, die über technisches Know-how verfügten, rar gesät und in Konsequenz herzlich willkommen. Wer selbst schon einmal Teil eines Raves war, weiß, dass es sich bei der technischen Ausstattung desgleichen nicht nur um ästhetisches Beiwerk, sondern durchaus um eine essenzielle Komponente handelt, mit der das Gelingen einer Party steht oder fällt. Das Antreten einer nächtlichen Odyssee auf dem Sattel eines rostigen Stahlrenners, die Schlaglöcher des Waldwegs, nur spärlich beleuchtet durch den Mond oder das GPS-fähige Handy, das langsam näher kommende Ziel, nur zu lokalisieren durch die GMS-Koordinaten eines in einer Chat-Gruppe verbreiteten Flyers – oder alternativ: das ewige Warten in der Schlange vor dem Nachtclub, das Zittern um den Einlass in das unbekannte Innere, der kurze Moment des Standhaltens unter dem kritischen Blick der Türsteherin, das anschließende Bühnenstück des Bag-Checkings auf illegale Substanzen – all das will belohnt werden. Umso mehr weiß man um die Enttäuschung, wenn am Ende dieser Mühen keine ausgelassene Party, sondern eine halb gefüllte Tanzfläche steht, beschallt durch eine völlig übersteuerte Anlage, die es schafft, jeden noch so guten Track auf die basalsten Frequenzen zu verdichten. Um derlei Erfahrungen zu verhindern, hatte sich der in geistlichen wie weltlichen Belangen gleichermaßen geschulte Ladenbesitzer dem Sicherstellen der elementarsten Infrastruktur jener Veranstaltungen verschrieben – den Boxen.
Am Laden war neben dem Namensschild ein zweites, kleineres, fast zu übersehendes Schild angebracht, auf dem in Großbuchstaben eine nüchterne Funktionskennzeichnung vorgenommen wurde: HIFI-LAUTSPRECHERMANUFAKTUR.
Unter Szenekundigen kursieren Geschichten über den Teil des Ladens, der sich hinter dem Schaufenster verbarg. Neben den auf Partys verbreiteten Anekdoten ließ sich in einem kleinen, deutschsprachigen Internet-Forum ein Bericht wiederfinden, der eine durchaus ungewöhnliche Erfahrung beschrieb:
Der Eintrag des mittlerweile gelöschten Accounts begann mit der zufälligen Sichtung des Ladeninhabers vor seinem Schaufenster. Auf die Objekte in der Fensterfront angesprochen, bat der Ladenbesitzer den Interessierten nach einem kurzen Gespräch, bei dem er sich trotz fehlender Expertise von dessen Interesse und Offenheit überzeugen konnte, ins Innere. Der Besitzer wurde als ein in die Jahre gekommener, leicht verlottert wirkender, älterer Mann beschrieben, dessen hageres Gesicht von einem langen weißen Bart und einer randlosen Brille mit Drahtgestell eingerahmt wurde, hinter der klare, blaue Augen hervorblitzen. Er hatte sich in seiner Werkstatttätigkeit nach eigenen Angaben dem Eliminieren des schwächsten Glieds zwischen Lautsprecher und menschlichen Hörorgan angenommen: dem Wiedergaberaum. Durch die individuelle, die Lautsprecher beherbergende Umgebung komme es zu Schallreflexionen und zur Verstärkung einzelner Frequenzbereiche, die verhinderten, dass das wiedergegebene Medium in seiner vollständigen Schärfe abgebildet werde. Es sei möglich, diesem Problem durch das Überführen der Lautsprecher in das akustische Nahfeld zu begegnen, also in den Bereich um das Sinnesorgan, in dem es zu keinerlei Einflussnahme äußerer Faktoren komme. Die ideale Position für den Rezipienten, so der Ladenbesitzer, ließe sich dabei rechnerisch bestimmen: Stelle man sich die zwei Ausgabesysteme eines Stereosignals als Eckpunkte eines gleichseitigen Dreieckes vor, so lokalisiere der dritte zu berechnende Eckpunkt die ideale Abhörposition für das vorgefundene Medium. Für diesen besonderen Ort, an dem das akustische Erleben sich im Verhältnis zu alternativen Rezeptionsorten in Tiefe, räumlicher Präzision und Brillanz selbst übertrifft, habe sich unter Audiophilen, so erläuterte er, die Bezeichnung des Sweet Spots eingebürgert.
Nach dieser kurzen Einführung wurde der Gast in den hinteren Teil des Ladens geführt, der sich vom Vorraum vor allem durch seine klinische Reinheit abhob. Er beherbergte weitere der im Schaufenster präsentierten phallusartigen Objekte, die von einem weißen, grellen Deckenlicht ausgeleuchtet wurden. Sie waren in präzisen ovalen Kreisen um einen metallenen Stuhl mit draisinenartigem Unterbau drapiert, der sich in der Mitte des Raumes befand. Ihr organisches Äußeres unterschied sich, abgesehen von ihrer Farbgebung, nur durch Nuancen voneinander. Wie ein Fremdkörper hob sich der Stuhl von ihren natürlichen Formen durch sein kaltes, auf reine Funktionalität bedachtes Antlitz ab. Der Boden war von einer Schicht fixierter Kabel überzogen, von denen einzelne unvermittelt in den Objekten endeten. Viel mehr war nicht zu sehen.
Der Ladenbesitzer forderte seinen Gast dazu auf, auf dem Stuhl Platz zu nehmen und erläuterte den weiteren Fortgang. Die Anordnung sei ein Versuchsaufbau, um den von ihm beschriebenen Effekt plastisch erlebbar zu machen. Der auf Schienen geführte Stuhl ermögliche einen nahtlosen Übergang vom Fern- ins Nahfeld. Beim Eintritt in den Bereich des Sweetspots übertrage sich die auditive Differenz direkt auf die Qualität des sinnlichen Erlebens. Eine Erfahrung – und hier zwinkerte der Ladenbesitzer seinem Gast verschmitzt zu – die man nicht vermitteln könne, sondern selbst machen müsse.
Der Gast folgte den weiteren Instruktionen des Ladenbesitzers. Nachdem er auf dem Stuhl Platz genommen hatte, wurde er von ihm durch einen unterhalb seines Bauchnabels verlaufenden Gurt fixiert. Erst als seine Frage, ob derlei Vorkehrungen für das Vorführen des Effekts überhaupt vonnöten seien, unbeantwortet blieb, bemerkte er, dass der Ladenbesitzer den Raum verlassen hatte. Ab diesem Moment war ein dezentes, dann jedoch stetig anschwellendes Surren zu vernehmen, dessen Herkunft zweifellos in den Objekten beheimatet war. Sich über immer größere Frequenzbereiche ausdehnend, wuchs es zu einem den Raum ausfüllenden Dröhnen an. Plötzlich vernahm der Besucher wieder die Stimme des Ladenbesitzers, die nun ebenfalls aus den Objekten zu ihm sprach. Der Stuhl werde sich nun langsam in Richtung des Sweetspots bewegen, dem anzustrebenden Ziel jeder akustischen Erfahrung.
An diesem Punkt wurde der Bericht bruchstückhaft. Der Internetnutzer erinnerte sich nur noch an
den sich unter seinen Füßen bewegenden Boden
das alles einnehmende Dröhnen
einen Widerstand
das Geräusch einer zu Boden fallenden Stecknadel
ihr Aufprall, lange Zeit nachklingend
der sich in die Weite auftuende Raum
das Lachen des Ladenbesitzers
die sich auf der Haut aufrichtenden Haarfollikel und
das Entgleiten des Bewusstseins.
Damit fand der Bericht abrupt sein Ende.
In einer Szene, in der der Gebrauch psychotroper Substanzen weitflächig toleriert wird, war die Chance der Einflussnahme dergleichen auf die Genese des Berichts nicht unwahrscheinlich. Dennoch überschnitt die Darstellung sich mit einem Detail, das über die nächtliche Abendgestaltung des Ladenbesitzers bekannt war. So erzählte man sich, wolle man es darauf anlegen, der physischen Manifestation dieses Originals zu begegnen, sei für dessen Auffinden ein wichtiges Element der Erzählung zu berücksichtigen:
Sei vor dem Betreten eines Raves die Gegenwart des von Mythen umrankenen Tänzers noch ungewiss, ließe sich der Ort seiner potenziellen Anwesenheit auf der Tanzfläche bereits vorab mit mathematischer Präzision lokalisieren, an dem er sich seinen zu diesem Zeitpunkt noch hypothetischen Pirouetten hingeben würde: Am Sweetspot, diesem besonderen Ort, zu berechnen durch den dritten zu bestimmenden Eckpunkt eines sich mit den Lautsprecheranlagen ergebenden gleichseitigen Dreiecks, der idealen Abhörposition für jede vorgefundene Geräuschkulisse, an der das akustische Erleben sich im Verhältnis zu alternativen Rezeptionsorten in Tiefe, räumlicher Präzision und Brillanz selbst übertrifft, eben genau dort, am einzig vorstellbaren Ort für einen Connaisseur dieser Art, dem Honigtopf jeder Party, sei es möglich, den um die eigene Achse rotierenden Herrn gleich einem seltenen Naturereignis zu erblicken.
Und sollte ich dem sich in seiner kontemplativen Praxis verlierenden Tänzer jemals auf einem meiner Streifzüge durchs Nachtleben begegnen und sehen, wie er sich mit geschlossenen Augen und zur hinduistischen Grußgeste erhobenen Händen seinen unendlichen Kreisen hingibt, werde ich kurz innehalten, meine Hände ebenfalls zum Gruße erheben und ihm ein warmes Namaste entgegnen.