Einleitung zu den Kurzbeiträgen
Audiophob, audiophil: vom sweetspot der Disharmonie im lautlosen Tanz der Zeichen
Den fünf musikpädagogischen Beiträgen in dieser Ausgabe schließen sich fünf kürzere Texte an, die literarische bzw. essayistische Formen für das Gegenstück zur Musik als Gegenstand entwickeln: die auditive, aurale oder akustische Wahrnehmung. Formen entwickeln heißt in diesem Fall Zeichen dafür finden, Schriftzeichen, die an sich lautlos sind, indes sie für Laute stehen, die nicht nur von Kultur zu Kultur, sondern bereits von jedem einzelnen anders gehört und eingeordnet werden. Dass wir uns ihrer bedienen, ist eine Arbeitsbasis, aber keine Selbstverständlichkeit. Am Ausgangspunkt einer folgenreichen Buchstabenvertauschung steht Jacques Derridas Tagebuchnotiz: „Den Namen des Namens in Frage stellen.“[1] Wenig später wird ein für e ein a gesetzt: die différance ist in der Welt und transportiert fortan einen Unterschied, der nicht zu hören ist; erst die Schrift bringt ihn zu Tage. Es lohnt sich heute vielleicht mehr denn je, sie in Frage zu stellen. Denken wir laut in Gegenwart eines digitalen Endgeräts und haben versehentlich das Symbol mit dem Mikrophon aktiviert, ist allzu schnell eine „Sprachi“ unterwegs, die auf Wunsch der ungeduldigen Empfängerin in doppelter Geschwindigkeit abgespielt oder in Buchstaben zum Überfliegen dargestellt werden kann. Auch das Schreiben mit zehn Fingern ist nicht mehr nötig, wir können einsprechen, mitlesen und autokorrigieren lassen. Und ein kleiner Freund, der alles weiß, was irgendwo im Netz steht, hat eine Antwort in Wort und Schrift auf jede Frage, wenn wir ihn nur hereinlassen. – Der Gebrauch von Schrift ist kulturell und individuell bedingt. Es hätte, wäre historisch zum Beispiel eine Bilderschrift zu einem früheren Zeitpunkt global dominant geworden, auch anders kommen können oder zumindest im Resultat anders ausgesehen. Kulturell bedingt ist auch das der Schrift vorausgehende und das ihr folgende Hören, man denke an die unterschiedlichen Umschriften gängiger Geräusche, und nicht zuletzt hört und sieht jeder Mensch anders. Ein pädagogisches Konzept, das diese Unterschiede bereits kurz nach dem Erscheinen der Schriften Derridas systematisiert und angewendet hat, ist die Ästhetische Bildung der Differenz von Pierangelo Maset.[2] Der leitende Gedanke Ich nehme wahr, indem ich unterscheide, und unterscheide, indem ich wahrnehme schlägt sich in einer kunstpädagogischen Praxis nieder, die annimmt, dass zu jedem Bildgegenstand eine Mannigfaltigkeit unterschiedlicher Wortgedanken zur Verfügung steht – und umgekehrt zu jedem Wortangebot eine Mannigfaltigkeit an Bildern im Kopf.
Das Umfeld, in dem die fünf folgenden Beiträge entstanden sind, nimmt dieses Prinzip im literalen Sinn beim Wort. Das Seminar „Schreiben“ – wohlgemerkt: auf keinen Fall „kreatives Schreiben“! – stellt an der Kunstakademie Karlsruhe über die Jahre hinweg einen geschützten Raum und eine zunehmend schützenswerte Zeit für Praxen der schriftlichen Formfindung zur Verfügung, in denen ein spielerisch fortgesetzter Diskurs die Einzelpositionen generiert, aus denen wiederum die Fortschreibung des Gesamtgefüges sich ergibt. Die im Wochenlauf entstehenden Texte werden überwiegend hörend rezipiert; im Allgemeinen liest die Autorin, der Autor vor und entscheidet selbst, ob der Text zum Mitlesen für die Anderen bereitgestellt wird. Damit ist immer auch der Andere, der anders wahrnimmt, im Spiel.[3] Aus dem Gesamt der Beiträge einer Sitzung wird ein Wort, ein Thema gesucht, das auf alles Gehörte/Gelesene aus dieser Runde zutrifft, sei es auf inhaltlicher, grammatikalischer, konzeptueller, zeichentheoretischer oder metasprachlicher Ebene. Diesen Begriff nehmen die Anwesenden mit in die Schreibzeit bis zum nächsten Treffen, präsentieren dort ihre höchst unterschiedlichen An-Sätze, um aus dem Gesamt wiederum zur Fort-Setzung einen Begriff mitzunehmen. So kam es im Juni 2025 nach einer Sitzung, in der ein gereimtes Gedicht (an dessen Klang gemeinsam weitergefeilt wurde) unter anderem auf das Perzept einer ohrenbetäubend lauten türkischen Hochzeit und das Wahrnehmungsprotokoll einer Trainingseinheit im Fitnessstudio traf, zur gemeinsamen Entscheidung für den Fortsetzungsthema audio.
Die Resultate, gefunden, nicht gesucht, finden hier zusammen. Die fünf Autor*innen sind ihre Herkunft betreffend ungeachtet der Staatsbürgerschaft über jeweils mindestens ein Elternteil mindestens vier Nationalitäten zuzuordnen, zählen sich mehr als einfach nur zwei Geschlechtern zu und tragen in mindestens zwei Fällen ein diagnostiziertes Handicap mit ins Spiel, von denen eines hier beim Namen zu nennen ist (und im Text andere Namen bekommt): Gehörlos. Repräsentativ? – Amira Baiouis Manifest /duː bɪst aʊdi̯ oˈfoːp/ ist in Internationaler Lautschrift verfasst: der Schriftform, auf die man sich in den Curricula für Gehörlosenschulen verständigt hat. Sie wird als eigenes Fach unterrichtet. Die Umschrift ins Deutsche und somit nicht in ihre Muttersprache ist ein Angebot an die Lesenden; sie könnte auch anders ausfallen. Im idealen Rezeptionsfall bekommt man diesen Text vorgelesen und liest die Lautschrift selbst mit. Der Fall, dass man ihn allein entziffert und mit dem inneren Ohr zu hören versucht, ist nicht weniger ergiebig. Der Essay Sweetspot von Benjamin Djamel Belhocine ist das Portrait einer mittlerweile historischen (da verstorbenen und in ihrem regionalen Umfeld relativ bekannten) Persönlichkeit, die den Punkt, auf dem ein Hörerlebnis mit mehreren Sinnen optimal erfahrbar ist, räumlich und technisch zu ihrem Lebensinhalt gemacht hat. Katharina Kluge bringt in ihrem Stück 2025.06.23 – Disharmonien. Schönberg OP33a. Umkehrung – Krebsumkehrung das Prinzip der Zwölftonreihe mittels einer umgekehrt akronymischen sprachlichen Setzung zur Anwendung: die Namen der Töne bekommen, ausgeschrieben, Satz für Satz eine andere Rolle. Richard Lang bring in seinem kurzen Essay Disharmonien zur Klärung des Begriffs Mensch und Stimmgabel auf einen labil schwingenden Nenner und Anna Scheper Rué nimmt, bewusst ohne Titel, den lautlosen Tanz der Artisten in einer Zirkuskuppel in den Blick.
Literatur
Derrida, Jacques: Randgänge der Philosophie. Wien 1988.
Maset, Pierangelo: Ästhetische Bildung der Differenz. Stuttgart 1995/Lüneburg 2012.
[1] Derrida, Randgänge der Philosophie, S. 51.
[2] Maset, Ästhetische Bildung der Differenz.
[3] Maset, Ästhetische Bildung der Differenz, Klappentext der Erstausgabe von 1995.