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    Christina Griebel
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  • Disharmonien
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Einleitung zu den Kurzbeiträgen

Christina Griebel

[Beitrag als pdf]

Audio­phob, audio­phil: vom sweetspot der Dishar­monie im laut­losen Tanz der Zeichen

Den fünf musikpäd­a­gogis­chen Beiträ­gen in dieser Aus­gabe schließen sich fünf kürzere Texte an, die lit­er­arische bzw. essay­is­tis­che For­men für das Gegen­stück zur Musik als Gegen­stand entwick­eln: die audi­tive, aurale oder akustis­che Wahrnehmung. For­men entwick­eln heißt in diesem Fall Zeichen dafür find­en, Schriftze­ichen, die an sich laut­los sind, indes sie für Laute ste­hen, die nicht nur von Kul­tur zu Kul­tur, son­dern bere­its von jedem einzel­nen anders gehört und ein­ge­ord­net wer­den. Dass wir uns ihrer bedi­enen, ist eine Arbeits­ba­sis, aber keine Selb­stver­ständlichkeit. Am Aus­gangspunkt ein­er fol­gen­re­ichen Buch­staben­ver­tauschung ste­ht Jacques Der­ri­das Tage­buch­no­tiz: „Den Namen des Namens in Frage stellen.“[1] Wenig später wird ein für e ein a geset­zt: die dif­férance ist in der Welt und trans­portiert for­t­an einen Unter­schied, der nicht zu hören ist; erst die Schrift bringt ihn zu Tage. Es lohnt sich heute vielle­icht mehr denn je, sie in Frage zu stellen. Denken wir laut in Gegen­wart eines dig­i­tal­en Endgeräts und haben verse­hentlich das Sym­bol mit dem Mikrophon aktiviert, ist allzu schnell eine „Sprachi“ unter­wegs, die auf Wun­sch der ungeduldigen Empfän­gerin in dop­pel­ter Geschwindigkeit abge­spielt oder in Buch­staben zum Über­fliegen dargestellt wer­den kann. Auch das Schreiben mit zehn Fin­gern ist nicht mehr nötig, wir kön­nen ein­sprechen, mitle­sen und autoko­r­rigieren lassen. Und ein klein­er Fre­und, der alles weiß, was irgend­wo im Netz ste­ht, hat eine Antwort in Wort und Schrift auf jede Frage, wenn wir ihn nur herein­lassen. – Der Gebrauch von Schrift ist kul­turell und indi­vidu­ell bed­ingt. Es hätte, wäre his­torisch zum Beispiel eine Bilder­schrift zu einem früheren Zeit­punkt glob­al dom­i­nant gewor­den, auch anders kom­men kön­nen oder zumin­d­est im Resul­tat anders aus­ge­se­hen. Kul­turell bed­ingt ist auch das der Schrift voraus­ge­hende und das ihr fol­gende Hören, man denke an die unter­schiedlichen Umschriften gängiger Geräusche, und nicht zulet­zt hört und sieht jed­er Men­sch anders. Ein päd­a­gogis­ches Konzept, das diese Unter­schiede bere­its kurz nach dem Erscheinen der Schriften Der­ri­das sys­tem­a­tisiert und angewen­det hat, ist die Ästhetis­che Bil­dung der Dif­ferenz von Pierange­lo Maset.[2] Der lei­t­ende Gedanke Ich nehme wahr, indem ich unter­schei­de, und unter­schei­de, indem ich wahrnehme schlägt sich in ein­er  kun­st­päd­a­gogis­chen Prax­is nieder, die annimmt, dass zu jedem Bildge­gen­stand eine Man­nig­faltigkeit unter­schiedlich­er Wortgedanken zur Ver­fü­gung ste­ht – und umgekehrt zu jedem Wor­tange­bot eine Man­nig­faltigkeit an Bildern im Kopf.

Das Umfeld, in dem die fünf fol­gen­den Beiträge ent­standen sind, nimmt dieses Prinzip im lit­eralen Sinn beim Wort. Das Sem­i­nar „Schreiben“ – wohlge­merkt: auf keinen Fall „kreatives Schreiben“! – stellt an der Kun­stakademie Karl­sruhe über die Jahre hin­weg einen geschützten Raum und eine zunehmend schützenswerte Zeit für Prax­en der schriftlichen Formfind­ung zur Ver­fü­gung, in denen ein spielerisch fort­ge­set­zter Diskurs die Einzel­po­si­tio­nen gener­iert, aus denen wiederum die Fortschrei­bung des Gesamt­ge­füges sich ergibt. Die im Wochen­lauf entste­hen­den Texte wer­den über­wiegend hörend rezip­iert; im All­ge­meinen liest die Autorin, der Autor vor und entschei­det selb­st, ob der Text zum Mitle­sen für die Anderen bere­it­gestellt wird. Damit ist immer auch der Andere, der anders wahrn­immt, im Spiel.[3] Aus dem Gesamt der Beiträge ein­er Sitzung wird ein Wort, ein The­ma gesucht, das auf alles Gehörte/Gelesene aus dieser Runde zutrifft, sei es auf inhaltlich­er, gram­matikalis­ch­er, konzeptueller, zeichen­the­o­retis­ch­er oder metasprach­lich­er Ebene.  Diesen Begriff nehmen die Anwe­senden mit in die Schreibzeit bis zum näch­sten Tre­f­fen, präsen­tieren dort ihre höchst unter­schiedlichen An-Sätze, um aus dem Gesamt wiederum zur Fort-Set­zung einen Begriff mitzunehmen. So kam es im Juni 2025 nach ein­er Sitzung, in der ein gereimtes Gedicht (an dessen Klang gemein­sam weit­erge­feilt wurde) unter anderem auf das Perzept ein­er ohren­betäubend laut­en türkischen Hochzeit und das Wahrnehmung­spro­tokoll ein­er Train­ing­sein­heit im Fit­nessstu­dio traf, zur gemein­samen Entschei­dung für den Fort­set­zungs­the­ma audio.

Die Resul­tate, gefun­den, nicht gesucht, find­en hier zusam­men. Die fünf Autor*innen sind ihre Herkun­ft betr­e­f­fend ungeachtet der Staats­bürg­er­schaft über jew­eils min­destens ein Eltern­teil min­destens vier Nation­al­itäten zuzuord­nen, zählen sich mehr als ein­fach nur zwei Geschlechtern zu und tra­gen in min­destens zwei Fällen ein diag­nos­tiziertes Hand­i­cap mit ins Spiel, von denen eines hier beim Namen zu nen­nen ist (und im Text andere Namen bekommt): Gehör­los. Repräsen­ta­tiv? –  Ami­ra Baiouis Man­i­fest  /duː bɪst aʊdi̯ oˈfoːp/  ist in Inter­na­tionaler Lautschrift ver­fasst: der Schrift­form, auf die man sich in den Cur­ric­u­la für Gehör­losen­schulen ver­ständigt hat. Sie wird als eigenes Fach unter­richtet. Die Umschrift ins Deutsche und somit nicht in ihre Mut­ter­sprache ist ein Ange­bot an die Lesenden; sie kön­nte auch anders aus­fall­en. Im ide­alen Rezep­tions­fall bekommt man diesen Text vorge­le­sen und liest die Lautschrift selb­st mit. Der Fall, dass man ihn allein entz­if­fert und mit dem inneren Ohr zu hören ver­sucht, ist nicht weniger ergiebig. Der Essay Sweetspot von Ben­jamin Djamel Bel­hocine ist das Por­trait ein­er mit­tler­weile his­torischen (da ver­stor­be­nen und in ihrem regionalen Umfeld rel­a­tiv bekan­nten) Per­sön­lichkeit, die den Punkt, auf dem ein Hör­erleb­nis mit mehreren Sin­nen opti­mal erfahrbar ist, räum­lich und tech­nisch zu ihrem Lebensin­halt gemacht hat. Katha­ri­na Kluge bringt in ihrem Stück 2025.06.23 – Dishar­monien. Schön­berg OP33a. Umkehrung – Kreb­sumkehrung das Prinzip der Zwölfton­rei­he mit­tels ein­er umgekehrt akro­nymis­chen sprach­lichen Set­zung zur Anwen­dung: die Namen der Töne bekom­men, aus­geschrieben, Satz für Satz eine andere Rolle. Richard Lang bring in seinem kurzen Essay Dishar­monien zur Klärung des Begriffs Men­sch und Stim­m­ga­bel auf einen labil schwin­gen­den Nen­ner und Anna Schep­er Rué nimmt, bewusst ohne Titel, den laut­losen Tanz der Artis­ten in ein­er Zirkuskup­pel in den Blick.


Lit­er­atur

Der­ri­da, Jacques: Randgänge der Philoso­phie. Wien 1988.

Maset, Pierange­lo: Ästhetis­che Bil­dung der Dif­ferenz. Stuttgart 1995/Lüneburg 2012.

[1] Der­ri­da, Randgänge der Philoso­phie, S. 51.

[2] Maset, Ästhetis­che Bil­dung der Dif­ferenz.

[3] Maset, Ästhetis­che Bil­dung der Dif­ferenz, Klap­pen­text der Erstaus­gabe von 1995.

  • 26. November 202519. Januar 2026
/duː bɪst aʊdi̯ oˈfoːp/
‚Singen‘ als Gegenstand von Unterricht in Hochschule und Schule –Bericht von einer Podiumsdiskussion
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