‚Singen‘ als Gegenstand von Unterricht in Hochschule und Schule –Bericht von einer Podiumsdiskussion
Unter der Überschrift ‚Singen im Gesangsunterricht der Hochschule – Singen im schulischen Musikunterricht: Ist Singen im schulischen Musikunterricht Gesangsunterricht?‘ fand als Abschluss der Tagung ‚Musik als Gegenstand von Unterricht‘ am 22.6.2024 im Institut für Musikpädagogik der HMT Leipzig eine Podiumsdiskussion statt, in der das ‚Singen‘ als Gegenstand von Unterricht in Schule und Hochschule in den Blick genommen werden sollte.
Eingeladen waren Studierende der Fachbereiche Schulmusik und Gesangspädagogik der HMT Leipzig, Lehrende der HMT Leipzig, Fachbereich Schulmusik, aus den Bereichen Gesang und Musikdidaktik, sowie Musiklehrkräfte, die an Schulen verschiedener Schulformen im Fach Musik seit vielen Jahren unterrichten und mit ihren Schüler:innen im Unterricht singen. Die Idee war, aus den verschieden beteiligten Sichtweisen heraus zu beleuchten, was im jeweiligen Kontext unter ‚Singen‘ verstanden wird. Wie kommt ‚Singen‘ in den jeweiligen Unterrichten vor? Wie und wo und warum wird was von wem gesungen? Was wird dort jeweils eigentlich in Bezug auf das ‚Singen‘ unterrichtet? Inwiefern beziehen sich der Unterricht ‚Singen‘ in Schule und Hochschule auf den gleichen Gegenstand? So wurde in der Podiumsdiskussion ein Bogen geschlagen: von Berichten über die Realitäten in Schule und Hochschule in Bezug auf Singe-Unterricht über eine Diskussion zu Sinn und Unsinn dieser Unterrichte, bis zur Entwicklung einer gemeinsamen sinnhaften Vorstellung davon, wie beide Institutionen sinnvollerweise Synergien nutzende Unterrichte in Bezug auf ‚Singen‘ entwickeln könnten. Im Folgenden werde ich kurz über die Vorüberlegungen, Vorbereitungen und Vorgespräche berichten (1), anschließend die Diskussion anhand der Diskussionspunkte ergebnisorientiert vorstellen (2), um abschließend einen Ausblick auf die mögliche sinnvolle gemeinsame Singe-Arbeit in Schule und Hochschule zu geben (3).
Vorüberlegungen zur Planung der Diskussion
Mit dem Tagungsthema ‚Musik als Gegenstand von Unterricht‘ wurde eine Thematik aufgerufen, sich zu fragen, was im Unterricht als der ‚Gegenstand Musik‘ verstanden wird, was also als ‚Gegenstand Musik‘ unterrichtet wird. So lässt sich allgemein fragen, was zum einen im schulischen Musikunterricht, im Fach ‚Musik‘ in der Schule‚ zum anderen in der Musikhochschule der ‚Gegenstand Musik‘ im Unterricht sei. Im Musikunterricht in der Schule wird ‚Musik‘ allgemein gesetzt für jedwede Beschäftigung und Auseinandersetzung mit dem Phänomen ‚Musik‘. Für den schulischen Musikunterricht werden dann unterschiedliche Inhaltsbereiche benannt. Im Musikstudium an einer Hochschule für Musik wird zwischen unterschiedlichen Musikstudiengängen ausgewählt: der Unterrichtsgegenstand ist dann nicht Musik ganz allgemein, sondern zum Beispiel die Beschäftigung mit einem Instrument, mit der eigenen Singstimme, mit Kompositionstechniken, mit Musikwissenschaften usw. .
In beiden ‚Schulen‘ findet sich neben anderen Unterrichtsgegenständen auch das ‚Singen‘, auf das sich hier beschränkt werden sollte. Dieser Unterrichtsinhalt hat seinen tradierten Platz sowohl im schulischen Musikunterricht, wo mit Klassen gesungen wird, als auch an Musikhochschulen, wo im Rahmen von Gesangsunterricht im Hauptfach in künstlerischen und gesangspädagogischen sowie in Schulmusik-Studiengängen gesungen wird.
Ist der Unterrichtsgegenstand im schulischen ‚Singe‘-Unterricht nun der gleiche wie im hochschulischen ‚Gesangsunterricht‘? Im sächsischen Lehrplan ist für den schulischen Unterricht beispielsweise von „Singen“ bzw. „Stimme“ (vgl. Lehrplan Grundschule Musik) und von „Fähigkeiten und Fertigkeiten im Singen“ die Rede, die „systematisch entwickelt und kontinuierlich geübt“ werden sollen (vgl. Lehrplan Gymnasium Musik). Es soll einstimmig oder mehrstimmig gesungen werden (vgl. Lehrplan Oberschule Musik) und es kann an Schulen in Ensembles und Chören gesungen werden. Im Gesangsunterricht in der Musikhochschule soll in den künstlerischen Studiengängen auf die Bühne vorbereitet werden; die Entfaltung der Stimme und das Know-how des künstlerischen Vortrags werden in den Mittelpunkt der Ausbildung gestellt. In den pädagogisch orientierten Studiengängen jedoch, auf die sich die Thematik hier konzentriert, lässt sich in der Zusammenschau der Unterrichte ‚Gesang in der Hochschule‘ und ‚Singen im Schulunterricht‘ eine Bezogenheit aufeinander zeigen: Die Ausbildung von angehenden Musiklehrkräften ist das gemeinsame und übergeordnete Ziel des Unterrichts in den pädagogischen Studiengängen der Ausbildungsstätten für Musiklehrkräfte, so auch in der Musikhochschule Leipzig. Ziel ist es, dass die Studierenden unter anderem all das lernen, was sie brauchen, um in der Schule (und Musikschule) mit Kindern und Jugendlichen erfolgreich singen zu können. Es stellt sich die Frage, was das ist und ob das so ist. Was lernen die Studierenden im Gesangsunterricht in pädagogisch ausgerichteten Studiengängen? Was ist der Unterschied zum Gesangsunterricht im künstlerischen Hauptfach? Lernen sie auch das Singen lehren? Ist dieses Ziel überhaupt im Blick? Und es stellt sich die Frage nach der Eingebundenheit des hochschulinternen Gesangsunterrichts in weitere Fächer: Welche zusätzlichen Fächer im Schulmusikstudium außer dem Gesangsunterricht haben dieses Ziel im Blick? Was wird dort jeweils gelehrt?
In Durchsicht der Modulordnung des Studiums der Musikpädagogik Schulmusik an der HMT Leipzig haben sich folgende Fächer herausfiltern lassen, die besonders mit dem Ziel, Singe-Pädagog:innen auszubilden, verwoben sind: Gesangsunterricht, Schulpraktisches Klavierspiel (SchuPra), musikdidaktische Singe-Vermittlungsformate wie ‚Klassenmusizieren‘ für die weiterführenden Schulen (KlaMu), ‚Elementares Gruppenmusizieren‘ für die Grundschule (EGMu), Chorsingen, Chorleitung und Dirigieren. Was muss für all diese Fächer bedacht werden, wenn sie sich dem gemeinsamen Ziel, Singe-Anleiter:innen auszubilden, verpflichtet sehen und dieses zu ihrem vorrangigen Unterrichtsgegenstand erklären?
Mit diesem Ansinnen, das ‚Singen in der Schule‘ als gemeinsames Ziel der Ausbildung für angehende Musiklehrkräfte im Institut für Musikpädagogik der HMT Leipzig in den Blick zu bekommen, plante ich die Podiumsdiskussion. Nach ausführlichen Vorgesprächen mit Vertretern der einzelnen Fachbereiche sollte in der Podiumsdiskussion vor allem der Versuch unternommen werden, eine gemeinsame sinnhafte Vorstellung davon zu entwickeln, was von angehenden Musiklehrkräften in der Schule als Kompetenzen gebraucht werden, wenn sie dort mit Kindern und Jugendlichen sinnstiftend singen wollen, um dann den Schluss zu ziehen, was also in den Musikpädagog:innen-Ausbildungsstätten gelernt und deswegen gelehrt werden müsste. Daraus könnten dann später Schlussfolgerungen in den einzelnen Fachbereichen gezogen werden, um eine sinnvolle gemeinsame Ausbildung zu Singe-Anleiter:innen oder Gesangs-Pädagog:innen zu gewährleisten.
Auf dem Podium saßen eine Professorin für Gesang, die auch die Leitung des Fachbereichs Gesang im Fachbereich Schulmusik inne hat, ein Gesangslehrer der HMT, der auch in der Grundschule als Lehrer tätig ist, eine Lehrerin der Grundschule im Fach Musik, die auch Studierende in fachdidaktischen Seminaren und Schulpraktischen Studien anleitet, das Singen mit Kindern zu initiieren, zwei erfahrene Musiklehrkräfte mit Mentor:innenerfahrung bei der Begleitung von Studierenden in schulpraktischen Übungen, die an Gymnasien unterrichten, und ein Studierender, der sich in seiner Staatsexamensarbeit mit Singen und Stimmbildung im Musikunterricht der Grundschule theoretisch und empirisch auseinandergesetzt hat.
Allen Diskutant:innen ist es ein großes Anliegen, dass in der Schule gesungen wird, und alle haben sich im Laufe ihres Berufslebens viele Gedanken darum gemacht. Weitere Vorgespräche habe ich mit zwei Lehrenden des Fachbereichs Schulpraktisches Musizieren geführt, die leider zur Tagung nicht kommen konnten, aber ebenfalls ein großes Interesse am Zusammendenken der verschiedenen Unterrichte auf dieses gemeinsame Ziel hin bekundet haben. Die Erfahrungen aller Gesprächsbeteiligten und die daraus resultierenden Ideen für eine gemeinsame Arbeit mit dem Anliegen, dass mit Kindern und Jugendlichen in der Schule erfolgreich gesungen wird, sollen hier zusammengetragen werden. Im Folgenden werden die Ergebnisse der Diskussion unter Einbezug der Vorgespräche vorgestellt.
Ergebnisse der Podiumsdiskussion
Die Ergebnisdarstellung der Podiumsdiskussion folgt der Gliederung und dem Verlauf des Gesprächs. Zunächst wurden Eindrücke darüber, wie in Schulklassen das Singen stattfindet, ausgelotet (2.1. Realitäten in der Schule), dann nach den benötigten und wünschenswerten Kompetenzen von Musiklehrpersonen gefragt, die in der Schule mit Kindern und Jugendlichen sinnstiftend singen wollen (2.2. Was man können muss), um dann den Raum der Hochschullehre auszuleuchten, der auf diese Tätigkeit hinführen soll (2.3. Singen und singen initiieren lernen in der HMT: Realität und Visionen). Abschließend wurde zusammenfassend ein Fazit gezogen (2.4.Fazit).
Realitäten in der Schule
Zum Einstieg wurde anhand von ausgewählten Bildern überlegt, zu welchen Anlässen Menschen singen, und dann spezifiziert, in welchen Formen das Singen in der Schule im schulischen Kontext vorkommt. Abgegrenzt wurde hier neben dem Singen in Chören oder Ensembles auch das Singen in Gesangsklassen von dem Singen in ‚normalen‘ allgemeinbildenden Schulklassen, das allein der Untersuchungs- bzw. Diskussionsgegenstand sein sollte. Für das Singen im Rahmen von Klassenunterricht konnten als Formen das Singen im Plenum der gesamten Klassengruppe, das Singen in Kleingruppen, das unbegleitete oder begleitete Singen auf unterschiedlichen Instrumenten durch Lehrkraft bzw. Schüler:innen, bzw. begleitet durch Playbacks, herausgefiltert werden. Dass Schüler:innen einzeln innerhalb ihrer Gruppen oder vor der Klasse singen, kommt vor, ist aber selten. Den Einzelunterricht Gesang gibt es nicht an ‚normalen‘ Schulen. Singen in der Schule ist in der Regel Klassengesang, ist Gruppengesang. Singen im schulischen Musikunterricht ist also nicht Gesangsunterricht.
Begründungen und Ziele von ‚Singen in und mit Schulklassen‘
Als nächstes wurde überlegt, mit welchen Begründungen und Zielen in der Schule gesungen wird. Allen folgenden, der musikpädagogischen Literatur entnommenen Begründungsfiguren für das Singen in der Schule (vgl. Günster, 2023; Kranefeld & Krause, 2012; Lehmann-Wermser, Andreas, 2008) konnten sich die Lehrenden in der Schule anschließen und sich darin wiederfinden. Die angebotenen Begründungsfiguren umfassen:
- die anthropologische Begründungsfigur: Singen als menschlicher Ausdruck, der notwendig zur Entfaltung des Menschen gehört und ein Grundbedürfnis des Menschen darstellt,
- Singen zur Gemeinschaftsbildung und Identitätsstiftung als Gruppe,
- Singen zum Erwerb eines Liedrepertoires,
- Singen mit dem Ziel, musiktheoretisches Wissen vom Singen aus zu erwerben,
- Singen mit dem Ziel, Transfereffekte wie zum Beispiel psychomotorische Entwicklung, Intelligenz, Gedächtnis, Konzentration oder Sozialverhalten zu erreichen,
- Singen mit dem Ziel der Harmonisierung – Singen macht glücklich,
- Singen mit dem Ziel des Aufbaus eines positiven musikalischen Selbstbildes („Ich kann singen“),
- Singen, weil es materiell voraussetzungslos und kostengünstig ist und keine Noten- oder Instrumentalkenntnisse erforderlich sind.
Ergänzt wurden von den Lehrkräften drei weitere Begründungen für das Singen in der Schule, die ihnen wichtig waren:
- Singen mit dem Ziel, einfach nur zu singen, also Singen um des Singens, des Musikmachens willen;
- Singen mit dem Ziel, vielfältige Zugänge zu unterschiedlicher Musik und zu unterschiedlichen Stilen auf Textebene wie auf musikalischer Ebene zu schaffen;
- Singen mit dem Ziel zu zeigen, wie einfach es ist, miteinander Musik zu machen.
Erfahrungsberichte von Lehrenden in der Schule
Um genauer in das Thema einzusteigen, in welchem Rahmen in der Schule überhaupt gesungen wird, wurden die Ergebnisse einer im Rahmen der Staatsexamensarbeit betriebenen Befragung mit Grundschullehrkräften vorgestellt. Die befragten Lehrkräfte gaben an, neben dem Singen im Fachunterricht auch regelmäßig im Schulalltag mit den Kindern zu singen, so auch zu Veranstaltungen mit der gesamten Schulgemeinschaft. In den Klassen kommt das Singen als ‚ritualisiertes Singen‘ zu Beginn von Unterrichtsstunden, als morgendliche Begrüßung, in Morgenkreisen und Wochenabschlusskreisen und zu Geburtstagen vor. Auch in anderen Fachunterrichtskontexten singen die Musiklehrkräfte mit den Kindern Lieder als Lernhilfen (z.B. Matheunterricht) oder zu Auflockerungszwecken. Ziele sind Gemeinschaftsbildung, Herstellung von Wohlbefinden in der Schule, die Gestaltung von Situationen des Ankommens, der Begrüßung und der Verabschiedung. Neben dem gemeinschaftlichen Singen an sich ging es den befragten Lehrenden im Fach Musik auch um eine Art Stimmpflege, der Bewusstmachung einer gesunden Stimmnutzung und der Vermeidung von Stimmschäden. Die vier anwesenden Lehrkräfte bestätigten die vorgetragenen Ergebnisse. Es wurde herausgestellt, dass es grundlegende Unterschiede zwischen Singen mit Schüler:innen im Chor und dem Singen in der Klasse gibt.
Einig waren sich die Diskutant:innen aller Schularten, dass es in der Schule darum geht, die Kinder und Jugendlichen erst einmal überhaupt zum Singen zu bringen, dazu zu ermuntern, Erfahrungen mit Singen und der eigenen Stimme zu machen. Sie müssten animieren zum Singen, begeistern, überzeugen, Lust auf Singen machen, die eigene Begeisterung und Freude teilen, den Funken überspringen lassen, zumindest bei dem Großteil einer Klasse. Wichtig sei es zunächst, die Wertschätzung des Singens zu initiieren, dem dann ein stimmbildnerisches oder intonatorisch-rhythmisches musikalisches Nachsteuern folgen kann. Neu war für die Vertreter:innen der hochschulischen Gesangsunterrichtsperspektive im Nachvollzug der Schulperspektive, dass Singen und das Lieder-Üben mit einer Klasse sich grundlegend unterscheidet von der Probe mit einem Chor. Die Schwierigkeiten, insbesondere auch in den weiterführenden Schulen, mit Singe-Hemmungen umzugehen, mit Singe-Unlust und Singe-Frust, mit Geschmacksfragen und Liedauswahl, mit großer Heterogenität im Erfahrungsbereich Singen der Kinder, mit Singeverweigerung und Störungen sowie mit besonderen Singetalenten gleichermaßen klarkommen zu müssen, und dennoch möglichst alle Schüler:innen mit Singen vertraut machen zu wollen und zu sollen. All dies wurde als primäre Herausforderungen beschrieben. Deutlich kristallisierte sich der Perspektivunterschied heraus, als die Diskussion den Punkt der Stimmbildung berührte: Wurde es aus hochschul-gesangspädagogischer Sicht als eine absolute Notwendigkeit eingeschätzt und eingefordert, das Einsingen im Musikunterricht nicht auszulassen, waren sich die Musiklehrkräfte der Schulen einig, dass das Einsingen sein kann, aber nicht sein muss, und oft auch in Klassen nicht funktioniert, weil ein Teil der Schüler:innen nicht mitmacht, oder das Einsingen sehr mühsam und zeitaufwändig als Ritual eingeführt werden muss. Es wurde zum einen auf die Unfreiwilligkeit des singen Müssens in der Schule wegen Schulpflicht und mangelnder Wahlfreiheit hingewiesen, zum anderen auf das Zeitproblem durch den gekürzten Musikunterricht, der eine Priorisierung von Unterrichtsinhalten nötig macht. Musikunterricht in der Schule sei nicht Singe-Unterricht, eine kontinuierliche Stimmbildung oder gar Gesangsunterricht sei nicht möglich.
Die Beispiele der Musiklehrkräfte, wie das Singen in der Schule konkret bei ihnen aussieht, zeigten, dass die Lehrenden sich bemühen, eine interessante und animierende Begleitung auf unterschiedlichen Instrumenten (Klavier, Keyboard, Gitarre, Percussion, Bandinstrumenten) zum Singen zu spielen, dass sie das Singen mit Begleitarrangements, Bodypercussions oder Tänzen verbinden, dass sie mit ihren Klassen einstimmig bis vierstimmig singen und teilweise improvisatorische Bewegungs- oder Klangexperimente mit einbinden. Über das in den Schulen gesungene Liedrepertoire konnte keine einheitliche Bilanz gezogen werden: jede Lehrkraft bietet abgestimmt auf die jeweilige Gruppe Lieder unterschiedlichster Provenienz im Unterricht an. Einigen ist es wichtig, Lied- und Songvorschläge aus den jeweiligen Klassen mit einzubeziehen; insgesamt würden Lieder aus dem Rock-und-Pop-Bereich den Großteil des Liedrepertoires ausmachen. Es werde im Unterricht ca. 60 Prozent musikpraktisch gearbeitet, davon etwa die Hälfte im Bereich Singen.
Was man können, also lernen muss
Zusammengetragen wurde nun, was man können muss, um als Musiklehrkraft in der Schule mit Kindern und Jugendlichen sinnstiftend singen zu können. Deutlich geworden ist an diesem Punkt, dass das Singen mit Kindern und Jugendlichen ein komplexer Vorgang ist, der den Lehrkräften viele Kompetenzen gleichzeitig abverlangt. Gefragt wurde auch danach, was für die Lehrkräfte selbst nach dem Studium noch zu lernen war, was schwierig war und als Handwerkszeug elementar notwendig ist. Für das Singen in der Schule wurden folgende notwendige Kompetenzen zusammengetragen:
- Eigene künstlerische Sicherheit haben: Dazu gehört für die Diskutant:innen vor allem, die eigene Stimme sicher sowohl als Sprech- als auch als Singstimme einsetzen zu können. Als weiteres Merkmal künstlerischer Sicherheit wurde Bühnentauglichkeit genannt, für die sich die Lehrperson mit der eigenen Scham, Auftrittsangst und Verlegenheit auseinandergesetzt haben sollte. Ebenso zählt dazu, eine sängerische Vorbildfunktion ausüben zu können, die Fähigkeiten ausgebildet zu haben, sich selbst und andere mit einem oder mehreren Instrumenten zu begleiten, beim Singen zu tanzen sowie Bodypercussion einzusetzen. Außerdem ist es wichtig, Arrangements für das Singen erstellen und spielen zu können und über eine ausgeprägte rhythmische Sicherheit zu verfügen.
- Sicherheit haben in Bezug auf handlungspraktisches Anleitungspraxis: Diese anleitungspraktische Sicherheit zeigt sich in verschiedenen Bereichen. Dazu gehört, dass man ausreichend geeignete Lieder und Stücke kennt und beherrscht sowie in der Lage ist, einen didaktisch sinnvollen Vermittlungsaufbau zu planen. Ebenso ist es wichtig, Singesituationen kreativ zu inszenieren und Lieder abwechslungsreich einzustudieren und beizubringen. Eine spannende, lustbetonte und zugleich anspruchsvolle Anleitung sollte möglichst mit wenigen Worten und viel Handlung erfolgen. Darüber hinaus sollte man Rhythmen vermitteln und gegebenenfalls vereinfachen können, verschiedene Instrumentengruppen einsetzen und anleiten können, sowie stimmlich anleiten und in unterschiedlichen Lagen mitsingen können. Es ist außerdem bedeutsam, Töne so anzugeben, dass sie gut abnehmbar sind – beispielsweise als Mann im Falsett für Kinderstimmen oder als Frau für Männerstimmen, mit oder ohne Klavier beziehungsweise Instrument. Der Umgang mit Kinderstimmen erfordert spezielles Fachwissen, insbesondere im Hinblick auf Stimmbruch und Mutation, sowie das Singen in einer den Kinderstimmen angemessenen Tonlage. Schließlich sollte man Einsätze geben und mehrere Stimmen sicher führen können.
- Pädagogisches Können: Als besonders relevant wurden die folgenden Aspekte hervorgehoben, die für den Musikunterricht und das gemeinsame Singen in der Klasse eine zentrale Rolle spielen: Die Lehrkraft sollte Begeisterung wecken und die Freude am Singen vermitteln können. Sie muss die Fähigkeit haben, die Schüler:innen zum Singen zu animieren und ihnen Lust dazu zu machen. Ebenso gehört dazu, die Gruppe sicher zu führen zu können, auf Gruppendynamiken souverän zu reagieren und mit Störungen gelassen umzugehen. Auch der sensible Umgang mit Scham, Auftrittsangst oder Verlegenheit der Schüler:innen ist von Bedeutung. Zudem sollte die Lehrkraft in der Lage sein, für Ruhe und Aufmerksamkeit zu sorgen, die gesamte Gruppe zu beschäftigen und zu interessieren sowie mit Methoden der Kleingruppenarbeit vertraut zu sein.
Realitäten in der Hochschulausbildung
Nach der Sammlung der Kompetenzen, die angehende Musiklehrkräfte lernen müssen, um im schulischen Rahmen mit Kindern und Jugendlichen sinnstiftend zu singen, wurde anschließenden der Raum ausgelotet, der auf diese Tätigkeit hinführen soll: die Ausbildung und die Studieninhalte in den unterschiedlichen Fächern der Hochschule. Welche Antwort gibt die Hochschulausbildung auf die Kompetenzanforderungen an ausgebildete Musiklehrkräfte? Insbesondere stellt sich hier die Frage nach dem Zusammenhang zwischen schulmusikalischem Gesangsunterricht in der Hochschule und Singen in der Schule neu.
Das Gesamtgefüge
Der Gesangsunterricht der Hochschule befindet sich in einem Gefüge mit weiteren Fächern, die in Zusammenhang mit Singen in der Schule stehen: Im Fach SchuPra geht es vor allem um das Erlernen einer eigenen künstlerischen Praxis der instrumentalen Singe-Begleitung, wobei auch das Erfinden von Begleitungen, das Anleiten vom Instrument aus und das selbstbegleitete Singen erlernt und geübt werden soll. In den Unterrichtsformaten Dirigieren, Chorleitung, und Übungschor wird vor allem die Dirigiertechnik erlernt und in hochschulinternen Chorformaten angewandt. Hier wurde angeregt, dass, dem Vorbild des Unterrichtsformates Kinderchorleitung folgend, die Arbeit in und mit Schulchören hilfreich sein könnte, um nach der Sicherung der eigenen künstlerischen Dirigierpraxis und Technik, dies mit Fragen der Praxis mit Kinder- und Jugendlichengruppen zusammenzuführen, das pädagogische Können zu erweitern, die stimmliche Anleitung mit Kindern und Jugendlichen zu erproben und ein angemessenes schulrelevantes Repertoire für Chöre und Klassengesang zu erwerben. In den weiteren Fächern wird das Arrangieren und Komponieren von schulbezogener Literatur erlernt. In den didaktischen Übungsformaten schließlich wird versucht, das didaktische und pädagogische Können mit dem handlungspraktischen Vermittlungskönnen zu vernetzen und das Anleiten von Musizieren und Singen in der Gruppe zu planen und zu üben, um es schließlich in Schulen mit Klassen anzuwenden.
Aufgabe des Gesangsunterrichts
Von Gesangspädagog:innen im Fachbereich Schulmusik der Hochschule wurde berichtet, dass man unterscheiden müsse zwischen Haupt– und Nebenfächler:innen. Insbesondere in Hinblick auf das Niveau der Herausbildung der eigenen künstlerischen Persönlichkeit im Fach Gesang gäbe es große Unterschiede. Vorrangig gehe es um die stimmbildnerische und sängerisch-künstlerischen Ausbildung. Stimmbildung werde in Bezug auf die Studierenden thematisiert. Auch gehe es ihnen bei allen Studierenden um Selbstführung der Studierenden in Bezug auf Fehlerkultur. Sie möchten die Studierenden dazu ermutigen, sich vom bewertendem Denken über richtiges oder falsches Singen zu lösen und stattdessen ein freies, kreatives und erfinderisches Singen zu entwickeln. Dazu gehöre auch der Versuch, den Studierenden beizubringen, einen konsequent-liebevollen Umgang mit sich selber zu pflegen. Hier werden der Umgang mit eigener Scham, mit Auftrittsangst und Verlegenheit, also Teilkompetenzen des Bereichs A, bearbeitet. Im Gesangsunterricht der Hochschule ist vor allem die künstlerische und sängerische Entwicklung der Studierenden im Blick. Dieses Ziel dokumentiert sich auch in den Abschlussprüfungen, in denen Kompetenzen des sängerischen Vortrags und der Selbstbegleitung verlangt werden. Es wird also vor allem an der wichtigen und grundlegenden Kompetenz A, der eigenen künstlerischen Sicherheit gearbeitet, ohne die kein Singen in der Schule möglich wäre. Die Kompetenzbereiche B und C, handlungspraktisches Anleitungskönnen und pädagogisches Können werden im Gesangsunterricht der Hochschulausbildung hingegen (oft) nicht als Unterrichtsgegenstand gesehen.
In Bezugnahme auf die Feststellung, dass vor allem Fragen der Kinder- und Jugendstimmbildung (Wie stimme ich Töne in den verschiedenen Lagen an, so dass die Schüler:innen diese abnehmen und singen können?, Wie gehe ich mit Schüler:innen während des Stimmbruchs um?) nach der Hochschulausbildung handlungspraktisch zu Schwierigkeiten in der Schule werden, wurde darauf hingewiesen, dass in den Modulordnungen Studium Musik für alle Lehrämter für das Fach Gesang die Themen Stimmbildung und auch der Schulbezug benannt sind. Die Verschränkung von der Ausbildung der eigenen künstlerischen Sicherheit mit der Ausbildung im Bereich der handlungspraktischen Sicherheit sind gerade für das Fach Gesang explizit in der Modulordnung benannt. Das Kennen von schulspezifischer Literatur, das Wissen über Kinder- und Jugend-Stimmphysiologie und das Erlernen der Anleitung von singenden Kindern sind geforderte Studieninhalte. Am Ende des 6. Fachsemesters sollen neben der Ausbildung und Weiterentwicklung elementarer sängerischer künstlerisch-praktischer Fähigkeiten und Fertigkeiten unter Berücksichtigung schulspezifischer Literatur und der Lehrpläne die sängerischen Fähigkeiten in Verbindung mit pädagogischen und didaktischen Fragestellungen entwickelt sein und die Reflexion musikpädagogischer Praxis eingeübt sein. Die Studierenden sollen schließlich in der Lage sein, Instrument und Stimme in schulpraktischen Kontexten flexibel einzusetzen. Des Weiteren sollen sie sich, in Korrespondenz zu EGMu, KlaMu und SchuPra, ein großes Repertoire musikalischer (Spiel)-Stücke, Lieder und Gestaltungsideen angeeignet haben. Und auch im Bereich Kinder- und Jugendstimmbildung sollen die Studierenden elementare Fähigkeiten entwickelt und diese mit schulspezifischen Aufgabenstellungen verbunden haben. Sie sollen die Fähigkeit, Stimmen zu beurteilen und zu klassifizieren, erworben haben. Desweiteren sollen sich die angehenden Lehrkräfte am Ende ihres Studiums ein Repertoire an Stimmbildungsübungen für Kinder- und Jugendstimmen angeeignet haben und ihre stimmdiagnostischen Fähigkeiten vertieft haben (vgl. Staatsexamen Lehramt an Grundschulen – Fach Musik -, 2025; Staatsexamen Lehramt an Oberschulen – Fach Musik -, 2025; Staatsexamen Lehramt an Gymnasien – Fach Musik -, 2025). Gesangsunterricht hat hier nicht nur die Aufgabe, die Stimme zu entwickeln und die Studierenden für die Bühne auszubilden. Gesangsunterricht bezieht sich immer auch auf Stimmbildung für Kinder, auf das Singen mit Kindern in der Schule. Im Gesangsunterricht sollen qualifizierte Singe-Anleiter:innen für Kinder- und Jugendgruppen ausgebildet werden. So sehen es zumindest die in den Modulordnungen der Lehrämter Musik festgeschriebene Konzeptionen für den Gesangsunterricht vor.
Fragen an den Gesangsunterricht der pädagogischen Studiengänge
Zwei Fragen an den Unterrichtsinhalt von Gesangsunterricht an der Hochschule bildeten sich zum Abschluss heraus: Sie betrafen die Themen ‚Stimmbildung‘ und ‚Bezug zu schulspezifischer Literatur‘. Das Thema Stimmbildung (1) betreffend wurde einerseits (1a) die Frage nach dem Ort der Wissensvermittlung über die Stimmphysiologie der Kinder- und Jugendstimme, über Stimmdiagnostik, über Umgang mit Stimmproblemen, und andrerseits (1b) die Frage nach Ort des Erlernens und Erprobens sinnvoller (Kinder-, Jugendlichen-) Stimmbildung als zu klärende Probleme definiert. In den Übungsformaten in der Hochschule kämen diese Themen selten zum Tragen, da meistens mit und an anderen Studierenden geprobt und ausprobiert werde. Dies wurde als ‚Studium unter Laborbedingungen‘ bezeichnet, als einerseits nötig und andrerseits nicht ausreichend: weitere Übungsformate mit ‚echten‘ Kinder- und Jugendlichengruppen seien nötig und fehlten. Desweiteren wurde die Frage, inwiefern im Gesangsunterricht auf schulspezifische Literatur Bezug genommen wird (2) , auf zwei Themenbereiche eingegrenzt: einerseits wurde die vorwiegende Beschäftigung im Gesangsunterricht mit klassischer Singetechnik bzw. meist fehlenden Singetechniken des Rock und Pop bzw. des Jazz benannt (2a), andrerseits ging es um die meist einseitig klassisch gelagerte zugehörige Literaturauswahl (2b), wie sie beispielhaft in der zu bewältigenden Examensliteratur (Volkslieder, Kunstlieder, Arie, 1 Stück nach 1950, meist Song) zu finden ist.
Problembewusstsein und Lösungsansätze
Es zeigte sich in den Gesprächen, dass sich diesen in der Ausbildung als defizitär empfundenen Themenbereichen zum Teil schon zugewandt wurde und Lösungsansätze ausprobiert wurden. Sie werden hier thematisch geordnet aufgelistet:
Thema 1: Kinder- und Jugendstimmbildung
1a: Für Vermittlung von Wissen über Kinder und Jugendstimmbildung wurde ausgehend von der Professur für Chorleitung innerhalb des Instituts für Musikpädagogik ein interdisziplinäres Seminar in Zusammenarbeit mit einer Gesangspädagogin der Hochschule angeboten, in dem ein Teil dem Bereich Stimmphysiologie und Stimmkunde zufiel. Im kommenden WS 25/26 wird es ein weiteres interdisziplinäres Seminar geben mit dem Titel „Singen mit Kindern und Jugendlichen“, in dem es speziell um die fehlenden Inhalte geht. Es bleibt aber die Frage, wie sich diese Thematik in den bestehenden Gesangsunterricht integrieren lässt, ohne dass ein zusätzliches Seminar belegt werden muss.
1b. Das Erlernen und Üben von Stimmbildung findet bislang nur als
chorische Stimmbildung in den Chören mit Studierenden, Kinderstimmbildung im Modul Kinderchorleitung statt. Hier gibt es auch Ideen zur Zusammenarbeit mit Schulchören. Kinder- und Jugendchorstimmbildung unter der Anleitung von Sänger:innen und mit Schulklassen gibt es zurzeit nicht. Es wurde auch schon erprobt, Stimmbildung für und mit Kindern an Schulen mit einem Gesangslehrer durchzuführen. Hierzu wurden in Zusammenarbeit mit dem Format „Singt euch ein“ Praktikumsplätze für Studierende angeboten. Bei diesem Projekt gehen ausgebildete Sänger:innen regelmäßig zum Singen in Schulklassen, sodass Studierende davon lernen können, was aber bislang nur zusätzlich zum Studium angeboten werden konnte. Auch ein Versuch, mit Studierendengruppen im Rahmen von Gesangsunterricht in Schulklassen zu gehen, um dort unter stimmbildnerischen Gesichtspunkten mit Kindern zu singen, wurde gestartet.
Thema 2: Rock-und-Pop-Gesang vs. klassischer Gesang
Dieses Thema korrespondiert mit der Praxisbeschreibung der Musiklehrkräfte: In der Schulpraxis werden vor allem Rock-und Popsongs gesungen. Um diese zu singen und anzuleiten, ist eine Ausbildung nötig. Von Hochschulseite wurde das Problem beschrieben, dass zurzeit noch viele Hochschullehrende im Fach Gesang klassisch ausgebildet worden seien und nur sehr wenige eine Ausbildung im Fachbereich Popular-Gesang haben. Viele würden sich unsicher und in diesem Bereich unausgebildet fühlen. Der Notwendigkeit, den Fachbereich des Rock-und-Pop-Gesangs stärker einbeziehen zu müssen, ist man sich bewusst.
So wurde eine hochschulinterne, freiwillige, aber sehr gut angenommene Weiterbildung in Form von Workshops für Gesangspädagog:innen der HMT angeboten, in denen Gesangstechniken des Rock- und Popgesangs erlernt und erprobt wurden. Diese Weiterbildungen werden regelmäßig durchgeführt, um miteinander dieses Feld zu erschließen. Später könnten diese Weiterbildungen auch für Studierende geöffnet werden. Weitere Lehrkräfte mit dieser Ausbildung sollen gewonnen werden, was aber nicht die Weiterbildungen der klassisch ausgebildeten Lehrkräfte ersetzen kann. Auch initiiert der Fachbereich Gesang regelmäßige Musicalprojekte mit Studierenden, in denen diese sich in diesem Genre ausprobieren können.
Es gibt weitere Ideen zur überfachlichen Zusammenarbeit zur Stärkung der für die Schulpraxis benötigten Kompetenzen mit dem Ziel, nicht zusätzliche Projekte und Unterrichte anbieten zu müssen und keine Mehrarbeit für Studierende zu generieren. Einige dieser Ideen wurden zusammengetragen und sollen hier aufgezählt werden:
- Im Gesangsunterricht könnten die SchuPra-Lieder gesanglich erarbeitet werden, damit die Sicherheit im Zusammenspiel mit der eigenen Begleitung gestärkt wird. SchuPra-Lehrende kommen meist von der Klavierpraxis, haben selten in der Schule (oder mit Chören) als Singenleiter:innen gearbeitet und sind selbst meist keine Sängeri:nnen. Hier würde die Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Gesang insgesamt helfen.
- In Zusammenarbeit zwischen den Fachbereichen Gesang und SchuPra gibt es schon gemeinsame sing-along-Abende, die Freude am gemeinsamen Musikmachen in den Vordergrund rücken, das eigene laute Vorsingen zu Anleitungszwecken trainieren und Mut dazu machen sollen. Auch kann hier das singende Anleiten vom Instrument aus geübt werden.
- Im Gesangsunterricht werden die Lieder aus Musical-, Chor- und Konzertprojekten gesanglich erarbeitet.
- Auch werden gemeinsame Prüfungsformate zwischen dem Fachbereich SchuPra und Gesang angedacht, die beispielsweise in einer gemeinsamen Liederstunde mit Präsentationen stattfinden könnten. Die inhaltlichen Anforderungen der Abschlussprüfungen in den Fächern Gesang und SchuPra könnten verändert werden; weg von solistischen Einzelprüfungen hin zu Prüfungsformaten, die nah an der zu entwickelnden beruflichen Praxis als Singe-Anleiter:innen angelehnt sind. Lehrende orientieren sich in ihrem Unterricht an den Prüfungsordnungen: sie fragen sich, was die Studierenden abliefern und können müssen, um eine gute Note zu bekommen. Die Ermöglichung eines guten Examens ist ihre Verantwortung und auch als Dozierende werden sie an den Prüfungsleistungen ihrer Studierenden gemessen. Nur mit einem anderen Prüfungsinhalt könnte auch der Unterricht weniger auf solistisch zu bewältigende, an klassischen stilistischen Regeln (kompositorisch, literarisch, technisch) orientierte Examensprüfungen ausgerichtet werden, sondern sich mehr den Inhalten der in Schule benötigten Kompetenzen widmen.
Abschließend wurde zusammenfassend ein hoffnungsvolles Fazit gezogen.
Fazit
Gesangsunterricht in der Hochschule ist etwas anderes als schulisches Singen im Musikunterricht. Gesangsunterricht in den pädagogischen Studiengängen in der Hochschule und Singen in der Schule haben unterschiedliche Unterrichtsgegenstände, beziehen sich aber beide auf Musik-Machen bzw. Singen, und sie haben als gemeinsames Ziel, dass in den Schulen Kinder und Jugendliche gerne und viel singen und dass Lehrkräfte sie dazu ermuntern können. Gesangsunterricht bereitet Studierende auf ihre Aufgaben als Singe-Anleiter:innen mit Kindern und Jugendlichen vor.
Studieren bleibt ein Stück ‚Lernen unter Laborbedingungen‘. Und der Wunsch, mehr mit Kindern und Jugendlichen gemeinsam zu lernen, im Schüler:innenkontakt zu lernen, bleibt ein zu bearbeitendes Feld. Manche Bildungsinhalte können ohne Verbindung dieser beiden Sphären nicht oder nur schlecht angeboten und erworben werden. So scheint es mit den Kompetenzen B und C, dem ‚handlungspraktischen Anleitungskönnen‘ und dem ‚pädagogisches Können‘ zu sein, wie beispielsweise an der Thematik der Kinder- und Jugendstimmbildung deutlich wird. Für andere Themenbereiche, wie der Ausbildung des Kompetenzbereichs A, der Ausbildung der ‚Sicherheit der eigenen künstlerisch-praktischen Fähigkeiten‘, reicht das ‚Studieren unter Laborbedingungen‘. Allerdings müssen die Studieninhalte immer wieder mit den sich verändernden Praxisanforderungen abgeglichen werden, wie am Thema des Einbezugs von Literatur und Gesangspraktiken der Rock- und Popmusik als Studieninhalt sichtbar wird.
Ausblick
Dieser Podiumsdiskussion schlossen sich weitere Gespräche an, in denen Ideen zur Zusammenarbeit und gegenseitigen Unterstützung zwischen Lehrenden der unterschiedlichen Fachbereiche aufkamen. So ist eine Gesprächsfortsetzung zwischen Hochschullehrenden und erfahrenen Lehrpersonen aus der Schulpraxis gewünscht und angedacht. Die Zielsetzungen, Probleme und Wünsche der in der Schulpraxis tätigen Kolleg:innen sollten eine direkte Reflexion und Antwort auf Hochschulebene erfahren. Der immer wiederkehrende Abgleich der Lehre von Hochschultätigen mit der Realität von Musiklehrenden im Musikunterricht in Schulen kann zu einer besseren Zielbestimmung des eigenen Unterrichts in der Hochschule in Hinblick auf relevante Kompetenzen von angehenden auszubildenden Musiklehrkräften führen, und den Blick für eine Nachsteuerung und Neujustierung des eigenen Unterrichtsprofils öffnen.
Literatur
Günster, A.: Singende Subjekte produzieren: Eine diskursanalytische Studie zu Wissensordnungen und Regierungspraktiken in musikdidaktischen Zeitschriftenartikeln über das Singen im Musikunterricht. 2023, Waxmann. https://doi.org/10.31244/9783830996958
Kranefeld, U., & Krause, M.: Vom Sinn des Singens — Rekonstruktion von Begründungszusammenhängen. In: Singen und Lernen: Perspektiven auf schulische und außerschulische Vokalpraxis (S. 119–138). Shaker. 2012.
Lehmann-Wermser, Andreas:. Singen im Unterricht zeitenübergreifend. In: Andreas Lehmann-Wermser u. Anne Niessen: Aspekte des Singens. Ein Studienbuch (S. S. 78–110). Wißner. 2008.
Lehrplan Grundschule Musik, https://www.schulportal.sachsen.de/lplandb/index.php?lplanid=75&lplansc=30QtKZvwfsWcEAE3UmEf&token=729b071a0ebaeec3ad3eed6ad812a665#page75_3730 (Stand: 20. April 2025).
Lehrplan Gymnasium Musik, https://www.schulportal.sachsen.de/lplandb/index.php?lplanid=151&lplansc=kt59cSJLV8VXDSSgWXfa&token=3f989eef02e0f1699cac9b2b77f63761 (Stand: 20. April 2025)
Lehrplan Oberschule Musik, https://www.schulportal.sachsen.de/lplandb/index.php?lplanid=148&lplansc=ZCk2Mo7IXHNveK0od4BU&token=1da06d575c202199f2375c7f716e56f4#page148_40694 (Stand: 20. April 2025)
Staatsexamen Lehramt an Grundschulen – Fach Musik -. Staatsexamen Lehramt an Gymnasien – Fach Musik -. Staatsexamen Lehramt an Oberschulen – Fach Musik -. (2025). https://www.hmt-leipzig.de/hochschule/fachrichtungen-institute/musikpaedagogik/studieninformationen/studiengang/staatsexamen-lehramt