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‚Singen‘ als Gegenstand von Unterricht in Hochschule und Schule –Bericht von einer Podiumsdiskussion

Elke Heiwolt

[Beitrag als pdf]

Unter der Über­schrift ‚Sin­gen im Gesang­sun­ter­richt der Hochschule – Sin­gen im schulis­chen Musikun­ter­richt: Ist Sin­gen im schulis­chen Musikun­ter­richt Gesang­sun­ter­richt?‘ fand als Abschluss der Tagung ‚Musik als Gegen­stand von Unter­richt‘ am 22.6.2024 im Insti­tut für Musikpäd­a­gogik der HMT Leipzig eine Podi­ums­diskus­sion statt, in der das ‚Sin­gen‘ als Gegen­stand von Unter­richt in Schule und Hochschule in den Blick genom­men wer­den sollte.

Ein­ge­laden waren Studierende der Fach­bere­iche Schul­musik und Gesangspäd­a­gogik der HMT Leipzig, Lehrende der HMT Leipzig, Fach­bere­ich Schul­musik, aus den Bere­ichen Gesang und Musik­di­dak­tik, sowie Musiklehrkräfte, die an Schulen ver­schieden­er Schul­for­men im Fach Musik seit vie­len Jahren unter­richt­en und mit ihren Schüler:innen im Unter­richt sin­gen. Die Idee war, aus den ver­schieden beteiligten Sichtweisen her­aus zu beleucht­en, was im jew­eili­gen Kon­text unter ‚Sin­gen‘ ver­standen wird. Wie kommt ‚Sin­gen‘ in den jew­eili­gen Unter­richt­en vor? Wie und wo und warum wird was von wem gesun­gen? Was wird dort jew­eils eigentlich in Bezug auf das ‚Sin­gen‘ unter­richtet? Inwiefern beziehen sich der Unter­richt ‚Sin­gen‘ in Schule und Hochschule auf den gle­ichen Gegen­stand? So wurde in der Podi­ums­diskus­sion ein Bogen geschla­gen: von Bericht­en über die Real­itäten in Schule und Hochschule in Bezug auf Singe-Unter­richt über eine Diskus­sion zu Sinn und Unsinn dieser Unter­richte, bis zur Entwick­lung ein­er gemein­samen sinnhaften Vorstel­lung davon, wie bei­de Insti­tu­tio­nen sin­nvoller­weise Syn­ergien nutzende Unter­richte in Bezug auf ‚Sin­gen‘ entwick­eln kön­nten. Im Fol­gen­den werde ich kurz über die Vorüber­legun­gen, Vor­bere­itun­gen und Vorge­spräche bericht­en (1), anschließend die Diskus­sion anhand der Diskus­sion­spunk­te ergeb­nisori­en­tiert vorstellen (2), um abschließend einen Aus­blick auf die mögliche sin­nvolle gemein­same Singe-Arbeit in Schule und Hochschule zu geben (3).

Vorüber­legun­gen zur Pla­nung der Diskus­sion

Mit dem Tagungs­the­ma ‚Musik als Gegen­stand von Unter­richt‘ wurde eine The­matik aufgerufen, sich zu fra­gen, was im Unter­richt als der ‚Gegen­stand Musik‘ ver­standen wird, was also als ‚Gegen­stand Musik‘ unter­richtet wird. So lässt sich all­ge­mein fra­gen, was zum einen im schulis­chen Musikun­ter­richt, im Fach ‚Musik‘ in der Schule‚ zum anderen in der Musikhochschule der ‚Gegen­stand Musik‘ im Unter­richt sei. Im Musikun­ter­richt in der Schule wird ‚Musik‘ all­ge­mein geset­zt für jed­wede Beschäf­ti­gung und Auseinan­der­set­zung mit dem Phänomen ‚Musik‘. Für den schulis­chen Musikun­ter­richt wer­den dann unter­schiedliche Inhalts­bere­iche benan­nt. Im Musik­studi­um an ein­er Hochschule für Musik wird zwis­chen unter­schiedlichen Musik­stu­di­engän­gen aus­gewählt: der Unter­richts­ge­gen­stand ist dann nicht Musik ganz all­ge­mein, son­dern zum Beispiel die Beschäf­ti­gung mit einem Instru­ment, mit der eige­nen Singstimme, mit Kom­po­si­tion­stech­niken, mit Musik­wis­senschaften usw. .

In bei­den ‚Schulen‘ find­et sich neben anderen Unter­richts­ge­gen­stän­den auch das ‚Sin­gen‘, auf das sich hier beschränkt wer­den sollte. Dieser Unter­richtsin­halt hat seinen tradierten Platz sowohl im schulis­chen Musikun­ter­richt, wo mit Klassen gesun­gen wird, als auch an Musikhochschulen, wo im Rah­men von Gesang­sun­ter­richt im Haupt­fach in kün­st­lerischen und gesangspäd­a­gogis­chen sowie in Schul­musik-Stu­di­engän­gen gesun­gen wird.

Ist der Unter­richts­ge­gen­stand im schulis­chen ‚Singe‘-Unterricht nun der gle­iche wie im hochschulis­chen ‚Gesang­sun­ter­richt‘? Im säch­sis­chen Lehrplan ist für den schulis­chen Unter­richt beispiel­sweise von „Sin­gen“ bzw. „Stimme“ (vgl. Lehrplan Grund­schule Musik) und  von „Fähigkeit­en und Fer­tigkeit­en im Sin­gen“ die Rede, die „sys­tem­a­tisch entwick­elt und kon­tinuier­lich geübt“ wer­den sollen (vgl. Lehrplan Gym­na­si­um Musik). Es soll ein­stim­mig oder mehrstim­mig gesun­gen wer­den (vgl. Lehrplan Ober­schule Musik) und es kann an Schulen in Ensem­bles und Chören gesun­gen wer­den. Im Gesang­sun­ter­richt in der Musikhochschule soll in den kün­st­lerischen Stu­di­engän­gen auf die Bühne vor­bere­it­et wer­den; die Ent­fal­tung der Stimme und das Know-how des kün­st­lerischen Vor­trags wer­den in den Mit­telpunkt der Aus­bil­dung gestellt. In den päd­a­gogisch ori­en­tierten Stu­di­engän­gen jedoch, auf die sich die The­matik hier konzen­tri­ert, lässt sich in der Zusam­men­schau der Unter­richte ‚Gesang in der Hochschule‘ und ‚Sin­gen im Schu­lun­ter­richt‘ eine Bezo­gen­heit aufeinan­der zeigen: Die Aus­bil­dung von ange­hen­den Musik­lehrkräften ist das gemein­same und über­ge­ord­nete Ziel des Unter­richts in den päd­a­gogis­chen Stu­di­engän­gen der Aus­bil­dungsstät­ten für Musik­lehrkräfte, so auch in der Musikhochschule Leipzig. Ziel ist es, dass die Studieren­den unter anderem all das ler­nen, was sie brauchen, um in der Schule (und Musikschule) mit Kindern und Jugendlichen erfol­gre­ich sin­gen zu kön­nen. Es stellt sich die Frage, was das ist und ob das so ist. Was ler­nen die Studieren­den im Gesang­sun­ter­richt in päd­a­gogisch aus­gerichteten Stu­di­engän­gen? Was ist der Unter­schied zum Gesang­sun­ter­richt im kün­st­lerischen Haupt­fach? Ler­nen sie auch das Sin­gen lehren? Ist dieses Ziel über­haupt im Blick? Und es stellt sich die Frage nach der Einge­bun­den­heit des hochschulin­ter­nen Gesang­sun­ter­richts in weit­ere Fäch­er: Welche zusät­zlichen Fäch­er im Schul­musik­studi­um außer dem Gesang­sun­ter­richt haben dieses Ziel im Blick? Was wird dort jew­eils gelehrt?

In Durch­sicht der Mod­u­lord­nung des Studi­ums der Musikpäd­a­gogik Schul­musik an der HMT Leipzig haben sich fol­gende Fäch­er her­aus­fil­tern lassen, die beson­ders mit dem Ziel, Singe-Pädagog:innen auszu­bilden, ver­woben sind: Gesang­sun­ter­richt, Schul­prak­tis­ches Klavier­spiel (SchuPra), musik­di­dak­tis­che Singe-Ver­mit­tlungs­for­mate wie ‚Klassen­mu­sizieren‘ für die weit­er­führen­den Schulen (Kla­Mu), ‚Ele­mentares Grup­pen­mu­sizieren‘ für die Grund­schule (EGMu), Chorsin­gen, Chor­leitung und Dirigieren. Was muss für all diese Fäch­er bedacht wer­den, wenn sie sich dem gemein­samen Ziel, Singe-Anleiter:innen auszu­bilden, verpflichtet sehen und dieses zu ihrem vor­rangi­gen Unter­richts­ge­gen­stand erk­lären?

Mit diesem Ansin­nen, das ‚Sin­gen in der Schule‘ als gemein­sames Ziel der Aus­bil­dung für ange­hende Musik­lehrkräfte im Insti­tut für Musikpäd­a­gogik der HMT Leipzig in den Blick zu bekom­men, plante ich die Podi­ums­diskus­sion. Nach aus­führlichen Vorge­sprächen mit Vertretern der einzel­nen Fach­bere­iche sollte in der Podi­ums­diskus­sion vor allem der Ver­such unter­nom­men wer­den, eine gemein­same sinnhafte Vorstel­lung davon zu entwick­eln, was von ange­hen­den Musik­lehrkräften in der Schule als Kom­pe­ten­zen gebraucht wer­den, wenn sie dort mit Kindern und Jugendlichen sinns­tif­tend sin­gen wollen, um dann den Schluss zu ziehen, was also in den Musikpädagog:innen-Ausbildungsstätten gel­ernt und deswe­gen gelehrt wer­den müsste. Daraus kön­nten dann später Schlussfol­gerun­gen in den einzel­nen Fach­bere­ichen gezo­gen wer­den, um eine sin­nvolle gemein­same Aus­bil­dung zu Singe-Anleiter:innen oder Gesangs-Pädagog:innen zu gewährleis­ten.

Auf dem Podi­um saßen eine Pro­fes­sorin für Gesang, die auch die Leitung des Fach­bere­ichs Gesang im Fach­bere­ich Schul­musik inne hat, ein Gesangslehrer der HMT, der auch in der Grund­schule als Lehrer tätig ist, eine Lehrerin der Grund­schule im Fach Musik, die auch Studierende in fach­di­dak­tis­chen Sem­i­naren und Schul­prak­tis­chen Stu­di­en anleit­et, das Sin­gen mit Kindern zu ini­ti­ieren, zwei erfahrene Musik­lehrkräfte mit Mentor:innenerfahrung bei der Begleitung von Studieren­den in schul­prak­tis­chen Übun­gen, die an Gym­nasien unter­richt­en, und ein Studieren­der, der sich in sein­er Staat­sex­a­m­en­sar­beit mit Sin­gen und Stimm­bil­dung im Musikun­ter­richt der Grund­schule the­o­retisch und empirisch auseinan­derge­set­zt hat.

Allen Diskutant:innen ist es ein großes Anliegen, dass in der Schule gesun­gen wird, und alle haben sich im Laufe ihres Beruf­slebens viele Gedanken darum gemacht. Weit­ere Vorge­spräche habe ich mit zwei Lehren­den des Fach­bere­ichs Schul­prak­tis­ches Musizieren geführt, die lei­der zur Tagung nicht kom­men kon­nten, aber eben­falls ein großes Inter­esse am Zusam­mendenken der ver­schiede­nen Unter­richte auf dieses gemein­same Ziel hin bekun­det haben. Die Erfahrun­gen aller Gesprächs­beteiligten und die daraus resul­tieren­den Ideen für eine gemein­same Arbeit mit dem Anliegen, dass mit Kindern und Jugendlichen in der Schule erfol­gre­ich gesun­gen wird, sollen hier zusam­menge­tra­gen wer­den. Im Fol­gen­den wer­den die Ergeb­nisse der Diskus­sion unter Ein­bezug der Vorge­spräche vorgestellt.

Ergeb­nisse der Podi­ums­diskus­sion

Die Ergeb­nis­darstel­lung der Podi­ums­diskus­sion fol­gt der Gliederung und dem Ver­lauf des Gesprächs. Zunächst wur­den Ein­drücke darüber, wie in Schulk­lassen das Sin­gen stat­tfind­et, aus­gelotet (2.1. Real­itäten in der Schule), dann nach den benötigten und wün­schenswerten Kom­pe­ten­zen von Musik­lehrper­so­n­en gefragt, die in der Schule mit Kindern und Jugendlichen sinns­tif­tend sin­gen wollen (2.2. Was man kön­nen muss), um dann den Raum der Hochschullehre auszuleucht­en, der auf diese Tätigkeit hin­führen soll (2.3. Sin­gen und sin­gen ini­ti­ieren ler­nen in der HMT: Real­ität und Visio­nen). Abschließend wurde zusam­men­fassend ein Faz­it gezo­gen (2.4.Fazit).

Real­itäten in der Schule

Zum Ein­stieg wurde anhand von aus­gewählten Bildern über­legt, zu welchen Anlässen Men­schen sin­gen, und dann spez­i­fiziert, in welchen For­men das Sin­gen in der Schule im schulis­chen Kon­text vorkommt. Abge­gren­zt wurde hier neben dem Sin­gen in Chören oder Ensem­bles auch das Sin­gen in Gesangsklassen von dem Sin­gen in ‚nor­malen‘ all­ge­mein­bilden­den Schulk­lassen, das allein der Unter­suchungs- bzw. Diskus­sion­s­ge­gen­stand sein sollte. Für das Sin­gen im Rah­men von Klasse­nun­ter­richt kon­nten als For­men das Sin­gen im Plenum der gesamten Klas­sen­gruppe, das Sin­gen in Kle­in­grup­pen, das unbe­gleit­ete oder begleit­ete Sin­gen auf unter­schiedlichen Instru­menten durch Lehrkraft bzw. Schüler:innen, bzw. begleit­et durch Play­backs, her­aus­ge­filtert wer­den. Dass Schüler:innen einzeln inner­halb ihrer Grup­pen oder vor der Klasse sin­gen, kommt vor, ist aber sel­ten. Den Einzelun­ter­richt Gesang gibt es nicht an ‚nor­malen‘ Schulen. Sin­gen in der Schule ist in der Regel Klas­sen­ge­sang, ist Grup­penge­sang. Sin­gen im schulis­chen Musikun­ter­richt ist also nicht Gesang­sun­ter­richt.

Begrün­dun­gen und Ziele von ‚Sin­gen in und mit Schulk­lassen‘

Als näch­stes wurde über­legt, mit welchen Begrün­dun­gen und Zie­len in der Schule gesun­gen wird. Allen fol­gen­den, der musikpäd­a­gogis­chen Lit­er­atur ent­nomme­nen Begrün­dungs­fig­uren für das Sin­gen in der Schule (vgl. Gün­ster, 2023; Krane­feld & Krause, 2012; Lehmann-Wermser, Andreas, 2008) kon­nten sich die Lehren­den in der Schule anschließen und sich darin wiederfind­en. Die ange­bote­nen Begrün­dungs­fig­uren umfassen:

  • die anthro­pol­o­gis­che Begrün­dungs­fig­ur: Sin­gen als men­schlich­er Aus­druck, der notwendig zur Ent­fal­tung des Men­schen gehört und ein Grundbedürf­nis des Men­schen darstellt,
  • Sin­gen zur Gemein­schafts­bil­dung und Iden­titätss­tiftung als Gruppe,
  • Sin­gen zum Erwerb eines Liedreper­toires,
  • Sin­gen mit dem Ziel, musik­the­o­retis­ches Wis­sen vom Sin­gen aus zu erwer­ben,
  • Sin­gen mit dem Ziel, Trans­fer­ef­fek­te wie zum Beispiel psy­chomo­torische Entwick­lung, Intel­li­genz, Gedächt­nis, Konzen­tra­tion oder Sozialver­hal­ten zu erre­ichen,
  • Sin­gen mit dem Ziel der Har­mon­isierung – Sin­gen macht glück­lich,
  • Sin­gen mit dem Ziel des Auf­baus eines pos­i­tiv­en musikalis­chen Selb­st­bildes („Ich kann sin­gen“),
  • Sin­gen, weil es materiell voraus­set­zungs­los und kostengün­stig ist und keine Noten- oder Instru­mentalken­nt­nisse erforder­lich sind.

Ergänzt wur­den von den Lehrkräften drei weit­ere Begrün­dun­gen für das Sin­gen in der Schule, die ihnen wichtig waren:

  • Sin­gen mit dem Ziel, ein­fach nur zu sin­gen, also Sin­gen um des Sin­gens, des Musik­machens willen;
  • Sin­gen mit dem Ziel, vielfältige Zugänge zu unter­schiedlich­er Musik und zu unter­schiedlichen Stilen auf Tex­tebene wie auf musikalis­ch­er Ebene zu schaf­fen;
  • Sin­gen mit dem Ziel zu zeigen, wie ein­fach es ist, miteinan­der Musik zu machen.

Erfahrungs­berichte von Lehren­den in der Schule

Um genauer in das The­ma einzusteigen, in welchem Rah­men in der Schule über­haupt gesun­gen wird, wur­den die Ergeb­nisse ein­er im Rah­men der Staat­sex­a­m­en­sar­beit betriebe­nen Befra­gung mit Grund­schullehrkräften vorgestellt. Die befragten Lehrkräfte gaben an, neben dem Sin­gen im Fachunter­richt auch regelmäßig im Schu­lall­t­ag mit den Kindern zu sin­gen, so auch zu Ver­anstal­tun­gen mit der gesamten Schul­ge­mein­schaft. In den Klassen kommt das Sin­gen als ‚rit­u­al­isiertes Sin­gen‘ zu Beginn von Unter­richtsstun­den, als mor­gendliche Begrüßung, in Mor­genkreisen und Wochen­ab­schlusskreisen und zu Geburt­sta­gen vor. Auch in anderen Fachunter­richt­skon­tex­ten sin­gen die Musik­lehrkräfte mit den Kindern Lieder als Lern­hil­fen (z.B. Mathe­un­ter­richt) oder zu Auflockerungszweck­en. Ziele sind Gemein­schafts­bil­dung, Her­stel­lung von Wohlbefind­en in der Schule, die Gestal­tung von Sit­u­a­tio­nen des Ankom­mens, der Begrüßung und der Ver­ab­schiedung. Neben dem gemein­schaftlichen Sin­gen an sich ging es den befragten Lehren­den im Fach Musik auch um eine Art Stimmpflege, der Bewusst­machung ein­er gesun­den Stimm­nutzung und der Ver­mei­dung von Stimm­schä­den. Die vier anwe­senden Lehrkräfte bestätigten die vor­ge­tra­ge­nen Ergeb­nisse. Es wurde her­aus­gestellt, dass es grundle­gende Unter­schiede zwis­chen Sin­gen mit Schüler:innen im Chor und dem Sin­gen in der Klasse gibt.

Einig waren sich die Diskutant:innen aller Schu­larten, dass es in der Schule darum geht, die Kinder und Jugendlichen erst  ein­mal über­haupt zum Sin­gen zu brin­gen, dazu zu ermuntern, Erfahrun­gen mit Sin­gen und der eige­nen Stimme zu machen. Sie müssten ani­mieren zum Sin­gen, begeis­tern, überzeu­gen, Lust auf Sin­gen machen, die eigene Begeis­terung und Freude teilen, den Funken über­sprin­gen lassen, zumin­d­est bei dem Großteil ein­er Klasse. Wichtig sei es zunächst, die Wertschätzung des Sin­gens zu ini­ti­ieren, dem dann ein stimm­bild­ner­isches oder into­na­torisch-rhyth­mis­ches musikalis­ches Nach­s­teuern fol­gen kann. Neu war für die Vertreter:innen der hochschulis­chen Gesang­sun­ter­richtsper­spek­tive im Nachvol­lzug der Schulper­spek­tive, dass Sin­gen und das Lieder-Üben mit ein­er Klasse sich grundle­gend unter­schei­det von der Probe mit einem Chor. Die Schwierigkeit­en, ins­beson­dere auch in den weit­er­führen­den Schulen, mit Singe-Hem­mungen umzuge­hen, mit Singe-Unlust und Singe-Frust, mit Geschmacks­fra­gen und Liedauswahl, mit großer Het­ero­gen­ität im Erfahrungs­bere­ich Sin­gen der Kinder, mit Singev­er­weigerung und Störun­gen sowie mit beson­deren Singe­tal­en­ten gle­icher­maßen klarkom­men zu müssen, und den­noch möglichst alle Schüler:innen mit Sin­gen ver­traut machen zu wollen und zu sollen. All dies wurde als primäre Her­aus­forderun­gen beschrieben. Deut­lich kristallisierte sich der Per­spek­tivun­ter­schied her­aus, als die Diskus­sion den Punkt der Stimm­bil­dung berührte: Wurde es aus hochschul-gesangspäd­a­gogis­ch­er Sicht als eine absolute Notwendigkeit eingeschätzt und einge­fordert, das Einsin­gen im Musikun­ter­richt nicht auszu­lassen, waren sich die Musik­lehrkräfte der Schulen einig, dass das Einsin­gen sein kann, aber nicht sein muss, und oft auch in Klassen nicht funk­tion­iert, weil ein Teil der Schüler:innen nicht mit­macht, oder das Einsin­gen sehr müh­sam und zeitaufwändig als Rit­u­al einge­führt wer­den muss. Es wurde zum einen auf die Unfrei­willigkeit des sin­gen Müssens in der Schule wegen Schulpflicht und man­gel­nder Wahl­frei­heit hingewiesen, zum anderen auf das Zeit­prob­lem durch den gekürzten Musikun­ter­richt, der eine Pri­or­isierung von Unter­richtsin­hal­ten nötig macht. Musikun­ter­richt in der Schule sei nicht Singe-Unter­richt, eine kon­tinuier­liche Stimm­bil­dung oder gar Gesang­sun­ter­richt sei nicht möglich.

Die Beispiele der Musik­lehrkräfte, wie das Sin­gen in der Schule konkret bei ihnen aussieht, zeigten, dass die Lehren­den sich bemühen, eine inter­es­sante und ani­mierende Begleitung auf unter­schiedlichen Instru­menten (Klavier, Key­board, Gitarre, Per­cus­sion, Bandin­stru­menten) zum Sin­gen zu spie­len, dass sie das Sin­gen mit Begleitarrange­ments, Bodyper­cus­sions oder Tänzen verbinden, dass sie mit ihren Klassen ein­stim­mig bis vier­stim­mig sin­gen und teil­weise impro­visatorische Bewe­gungs- oder Klang­ex­per­i­mente mit ein­binden. Über das in den Schulen gesun­gene Liedreper­toire kon­nte keine ein­heitliche Bilanz gezo­gen wer­den: jede Lehrkraft bietet abges­timmt auf die jew­eilige Gruppe Lieder unter­schiedlich­ster Prove­nienz im Unter­richt an. Eini­gen ist es wichtig, Lied- und Songvorschläge aus den jew­eili­gen Klassen mit einzubeziehen; ins­ge­samt wür­den Lieder aus dem Rock-und-Pop-Bere­ich den Großteil des Liedreper­toires aus­machen. Es werde im Unter­richt ca. 60 Prozent musikprak­tisch gear­beit­et, davon etwa die Hälfte im Bere­ich Sin­gen.

Was man kön­nen, also ler­nen muss

Zusam­menge­tra­gen wurde nun, was man kön­nen muss, um als Musik­lehrkraft in der Schule mit Kindern und Jugendlichen sinns­tif­tend sin­gen zu kön­nen. Deut­lich gewor­den ist an diesem Punkt, dass das Sin­gen mit Kindern und Jugendlichen ein kom­plex­er Vor­gang ist, der den Lehrkräften viele Kom­pe­ten­zen gle­ichzeit­ig abver­langt. Gefragt wurde auch danach, was für die Lehrkräfte selb­st nach dem Studi­um noch zu ler­nen war, was schwierig war und als Handw­erk­szeug ele­men­tar notwendig ist. Für das Sin­gen in der Schule wur­den fol­gende notwendi­ge Kom­pe­ten­zen zusam­menge­tra­gen:

  1. Eigene kün­st­lerische Sicher­heit haben: Dazu gehört für die Diskutant:innen vor allem, die eigene Stimme sich­er sowohl als Sprech- als auch als Singstimme ein­set­zen zu kön­nen. Als weit­eres Merk­mal kün­st­lerisch­er Sicher­heit wurde Büh­nen­tauglichkeit genan­nt, für die sich die Lehrper­son mit der eige­nen Scham, Auftrittsangst und Ver­legen­heit auseinan­derge­set­zt haben sollte. Eben­so zählt dazu, eine sän­gerische Vor­bild­funk­tion ausüben zu kön­nen, die Fähigkeit­en aus­ge­bildet zu haben, sich selb­st und andere mit einem oder mehreren Instru­menten zu begleit­en, beim Sin­gen zu tanzen sowie Bodyper­cus­sion einzuset­zen. Außer­dem ist es wichtig, Arrange­ments für das Sin­gen erstellen und spie­len zu kön­nen und über eine aus­geprägte rhyth­mis­che Sicher­heit zu ver­fü­gen.
  2. Sicher­heit haben in Bezug auf hand­lung­sprak­tis­ches Anleitung­sprax­is: Diese anleitung­sprak­tis­che Sicher­heit zeigt sich in ver­schiede­nen Bere­ichen. Dazu gehört, dass man aus­re­ichend geeignete Lieder und Stücke ken­nt und beherrscht sowie in der Lage ist, einen didak­tisch sin­nvollen Ver­mit­tlungsauf­bau zu pla­nen. Eben­so ist es wichtig, Sin­ge­si­t­u­a­tio­nen kreativ zu insze­nieren und Lieder abwech­slungsre­ich einzus­tudieren und beizubrin­gen. Eine span­nende, lust­be­tonte und zugle­ich anspruchsvolle Anleitung sollte möglichst mit weni­gen Worten und viel Hand­lung erfol­gen. Darüber hin­aus sollte man Rhyth­men ver­mit­teln und gegebe­nen­falls vere­in­fachen kön­nen, ver­schiedene Instru­menten­grup­pen ein­set­zen und anleit­en kön­nen, sowie stimm­lich anleit­en und in unter­schiedlichen Lagen mitsin­gen kön­nen. Es ist außer­dem bedeut­sam, Töne so anzugeben, dass sie gut abnehm­bar sind – beispiel­sweise als Mann im Falsett für Kinder­stim­men oder als Frau für Män­ner­stim­men, mit oder ohne Klavier beziehungsweise Instru­ment. Der Umgang mit Kinder­stim­men erfordert spezielles Fach­wis­sen, ins­beson­dere im Hin­blick auf Stimm­bruch und Muta­tion, sowie das Sin­gen in ein­er den Kinder­stim­men angemesse­nen Ton­lage. Schließlich sollte man Ein­sätze geben und mehrere Stim­men sich­er führen kön­nen.
  3. Päd­a­gogis­ches Kön­nen: Als beson­ders rel­e­vant wur­den die fol­gen­den Aspek­te her­vorge­hoben, die für den Musikun­ter­richt und das gemein­same Sin­gen in der Klasse eine zen­trale Rolle spie­len: Die Lehrkraft sollte Begeis­terung weck­en und die Freude am Sin­gen ver­mit­teln kön­nen. Sie muss die Fähigkeit haben, die Schüler:innen zum Sin­gen zu ani­mieren und ihnen Lust dazu zu machen. Eben­so gehört dazu, die Gruppe sich­er zu führen zu kön­nen, auf Grup­pen­dy­namiken sou­verän zu reagieren und mit Störun­gen gelassen umzuge­hen. Auch der sen­si­ble Umgang mit Scham, Auftrittsangst oder Ver­legen­heit der Schüler:innen ist von Bedeu­tung. Zudem sollte die Lehrkraft in der Lage sein, für Ruhe und Aufmerk­samkeit zu sor­gen, die gesamte Gruppe zu beschäfti­gen und zu inter­essieren sowie mit Meth­o­d­en der Kle­in­grup­pe­nar­beit ver­traut zu sein.

Real­itäten in der Hochschu­laus­bil­dung

Nach der Samm­lung der Kom­pe­ten­zen, die ange­hende Musik­lehrkräfte ler­nen müssen, um im schulis­chen Rah­men mit Kindern und Jugendlichen sinns­tif­tend zu sin­gen, wurde anschließen­den der Raum aus­gelotet, der auf diese Tätigkeit hin­führen soll: die Aus­bil­dung und die Stu­di­en­in­halte in den unter­schiedlichen Fäch­ern der Hochschule. Welche Antwort gibt die Hochschu­laus­bil­dung auf die Kom­pe­ten­zan­forderun­gen an aus­ge­bildete Musik­lehrkräfte? Ins­beson­dere stellt sich hier die Frage nach dem Zusam­men­hang zwis­chen schul­musikalis­chem Gesang­sun­ter­richt in der Hochschule und Sin­gen in der Schule neu.

Das Gesamt­ge­füge

Der Gesang­sun­ter­richt der Hochschule befind­et sich in einem Gefüge mit weit­eren Fäch­ern,  die in Zusam­men­hang mit Sin­gen in der Schule ste­hen: Im Fach SchuPra geht es vor allem um das Erler­nen ein­er eige­nen kün­st­lerischen Prax­is der instru­men­tal­en Singe-Begleitung, wobei auch das Erfind­en von Begleitun­gen, das Anleit­en vom Instru­ment aus und das selb­st­be­gleit­ete Sin­gen erlernt und geübt wer­den soll. In den Unter­richts­for­mat­en Dirigieren, Chor­leitung, und Übungschor wird vor allem die Dirigiertech­nik erlernt und in hochschulin­ter­nen Chor­for­mat­en ange­wandt. Hier wurde angeregt, dass, dem Vor­bild des Unter­richts­for­mates Kinder­chor­leitung fol­gend, die Arbeit in und mit Schulchören hil­fre­ich sein kön­nte, um nach der Sicherung der eige­nen kün­st­lerischen Dirigier­prax­is und Tech­nik, dies mit Fra­gen der Prax­is mit Kinder- und Jugendlichen­grup­pen zusam­men­zuführen, das päd­a­gogis­che Kön­nen zu erweit­ern, die stimm­liche Anleitung mit Kindern und Jugendlichen zu erproben und ein angemessenes schul­rel­e­vantes Reper­toire für Chöre und Klas­sen­ge­sang zu erwer­ben. In den weit­eren Fäch­ern wird das Arrang­ieren und Kom­ponieren von schul­be­zo­gen­er Lit­er­atur erlernt. In den didak­tis­chen Übungs­for­mat­en schließlich wird ver­sucht, das didak­tis­che und päd­a­gogis­che Kön­nen mit dem hand­lung­sprak­tis­chen Ver­mit­tlungskön­nen zu ver­net­zen und das Anleit­en von Musizieren und Sin­gen in der Gruppe zu pla­nen und zu üben, um es schließlich in Schulen mit Klassen anzuwen­den.

Auf­gabe des Gesang­sun­ter­richts

Von Gesangspädagog:innen im Fach­bere­ich Schul­musik der Hochschule wurde berichtet, dass man unter­schei­den müsse zwis­chen Haupt– und Nebenfächler:innen. Ins­beson­dere in Hin­blick auf das Niveau der Her­aus­bil­dung der eige­nen kün­st­lerischen Per­sön­lichkeit im Fach Gesang gäbe es große Unter­schiede. Vor­rangig gehe es um die stimm­bild­ner­ische und sän­gerisch-kün­st­lerischen Aus­bil­dung. Stimm­bil­dung werde in Bezug auf die Studieren­den the­ma­tisiert. Auch gehe es ihnen bei allen Studieren­den um Selb­st­führung der Studieren­den in Bezug auf Fehlerkul­tur. Sie möcht­en die Studieren­den dazu ermuti­gen, sich vom bew­er­ten­dem Denken über richtiges oder falsches Sin­gen zu lösen und stattdessen ein freies, kreatives und erfind­erisches Sin­gen zu entwick­eln. Dazu gehöre auch der Ver­such, den Studieren­den beizubrin­gen, einen kon­se­quent-liebevollen Umgang mit sich sel­ber zu pfle­gen. Hier wer­den der Umgang mit eigen­er Scham, mit Auftrittsangst und Ver­legen­heit, also Teilkom­pe­ten­zen des Bere­ichs A, bear­beit­et. Im Gesang­sun­ter­richt der Hochschule ist vor allem die kün­st­lerische und sän­gerische Entwick­lung der Studieren­den im Blick. Dieses Ziel doku­men­tiert sich auch in den Abschlussprü­fun­gen, in denen Kom­pe­ten­zen des sän­gerischen Vor­trags und der Selb­st­be­gleitung ver­langt wer­den. Es wird also vor allem an der wichti­gen und grundle­gen­den Kom­pe­tenz A, der eige­nen kün­st­lerischen Sicher­heit gear­beit­et, ohne die kein Sin­gen in der Schule möglich wäre. Die Kom­pe­tenzbere­iche B und C, hand­lung­sprak­tis­ches Anleitungskön­nen und päd­a­gogis­ches Kön­nen wer­den im Gesang­sun­ter­richt der Hochschu­laus­bil­dung hinge­gen (oft) nicht als Unter­richts­ge­gen­stand gese­hen.
In Bezug­nahme auf die Fest­stel­lung, dass vor allem Fra­gen der Kinder- und Jugend­stimm­bil­dung (Wie stimme ich Töne in den ver­schiede­nen Lagen an, so dass die Schüler:innen diese abnehmen und sin­gen kön­nen?, Wie gehe ich mit Schüler:innen während des Stimm­bruchs um?) nach der Hochschu­laus­bil­dung hand­lung­sprak­tisch zu Schwierigkeit­en in der Schule wer­den, wurde darauf hingewiesen, dass in den Mod­u­lord­nun­gen Studi­um Musik für alle Lehrämter für das Fach Gesang die The­men Stimm­bil­dung und auch der Schul­bezug benan­nt sind. Die Ver­schränkung von der Aus­bil­dung der eige­nen kün­st­lerischen Sicher­heit mit der Aus­bil­dung im Bere­ich der hand­lung­sprak­tis­chen Sicher­heit sind ger­ade für das Fach Gesang expliz­it in der Mod­u­lord­nung benan­nt. Das Ken­nen von schul­spez­i­fis­ch­er Lit­er­atur, das Wis­sen über Kinder- und Jugend-Stimm­phys­i­olo­gie und das Erler­nen der Anleitung von sin­gen­den Kindern sind geforderte Stu­di­en­in­halte. Am Ende des 6. Fachse­mes­ters sollen neben der Aus­bil­dung und Weit­er­en­twick­lung ele­mentar­er sän­gerisch­er kün­st­lerisch-prak­tis­ch­er Fähigkeit­en und Fer­tigkeit­en unter Berück­sich­ti­gung schul­spez­i­fis­ch­er Lit­er­atur und der Lehrpläne die sän­gerischen Fähigkeit­en in Verbindung mit päd­a­gogis­chen und didak­tis­chen Fragestel­lun­gen entwick­elt sein und die Reflex­ion musikpäd­a­gogis­ch­er Prax­is eingeübt sein. Die Studieren­den sollen schließlich in der Lage sein, Instru­ment und Stimme in schul­prak­tis­chen Kon­tex­ten flex­i­bel einzuset­zen. Des Weit­eren sollen sie sich, in Kor­re­spon­denz zu EGMu, Kla­Mu und SchuPra, ein großes Reper­toire musikalis­ch­er (Spiel)-Stücke, Lieder und Gestal­tungsideen angeeignet haben. Und auch im Bere­ich Kinder- und Jugend­stimm­bil­dung sollen die Studieren­den ele­mentare Fähigkeit­en entwick­elt und diese mit schul­spez­i­fis­chen Auf­gaben­stel­lun­gen ver­bun­den haben. Sie sollen die Fähigkeit, Stim­men zu beurteilen und zu klas­si­fizieren, erwor­ben haben. Desweit­eren sollen sich die ange­hen­den Lehrkräfte am Ende ihres Studi­ums ein Reper­toire an Stimm­bil­dungsübun­gen für Kinder- und Jugend­stim­men angeeignet haben und ihre stim­m­di­ag­nos­tis­chen Fähigkeit­en ver­tieft haben (vgl. Staat­sex­a­m­en Lehramt an Grund­schulen – Fach Musik -, 2025; Staat­sex­a­m­en Lehramt an Ober­schulen – Fach Musik -, 2025; Staat­sex­a­m­en Lehramt an Gym­nasien – Fach Musik -, 2025). Gesang­sun­ter­richt hat hier nicht nur die Auf­gabe, die Stimme zu entwick­eln und die Studieren­den für die Bühne auszu­bilden. Gesang­sun­ter­richt bezieht sich immer auch auf Stimm­bil­dung für Kinder, auf das Sin­gen mit Kindern in der Schule. Im Gesang­sun­ter­richt sollen qual­i­fizierte Singe-Anleiter:innen für Kinder- und Jugend­grup­pen aus­ge­bildet wer­den. So sehen es zumin­d­est die in den Mod­u­lord­nun­gen der Lehrämter Musik fest­geschriebene Konzep­tio­nen für den Gesang­sun­ter­richt vor.

Fra­gen an den Gesang­sun­ter­richt der päd­a­gogis­chen Stu­di­engänge

Zwei Fra­gen an den Unter­richtsin­halt von Gesang­sun­ter­richt an der Hochschule bilde­ten sich zum Abschluss her­aus: Sie betrafen die The­men ‚Stimm­bil­dung‘ und ‚Bezug zu schul­spez­i­fis­ch­er Lit­er­atur‘. Das The­ma Stimm­bil­dung (1) betr­e­f­fend wurde ein­er­seits (1a) die Frage nach dem Ort der Wis­sensver­mit­tlung über die Stimm­phys­i­olo­gie der Kinder- und Jugend­stimme, über Stim­m­di­ag­nos­tik, über Umgang mit Stimm­prob­le­men, und andr­er­seits (1b) die Frage nach Ort des Erler­nens und Erprobens sin­nvoller (Kinder-, Jugendlichen-) Stimm­bil­dung als zu klärende Prob­leme definiert. In den Übungs­for­mat­en in der Hochschule kämen diese The­men sel­ten zum Tra­gen, da meis­tens mit und an anderen Studieren­den geprobt und aus­pro­biert werde. Dies wurde als ‚Studi­um unter Laborbe­din­gun­gen‘ beze­ich­net, als ein­er­seits nötig und andr­er­seits nicht aus­re­ichend: weit­ere Übungs­for­mate mit ‚echt­en‘ Kinder- und Jugendlichen­grup­pen seien nötig und fehlten. Desweit­eren wurde die Frage, inwiefern im Gesang­sun­ter­richt auf schul­spez­i­fis­che Lit­er­atur Bezug genom­men wird (2) , auf zwei The­men­bere­iche einge­gren­zt: ein­er­seits wurde die vor­wiegende Beschäf­ti­gung im Gesang­sun­ter­richt mit klas­sis­ch­er Singetech­nik bzw. meist fehlen­den Singetech­niken des Rock und Pop bzw. des Jazz benan­nt (2a), andr­er­seits ging es um die meist ein­seit­ig klas­sisch gelagerte zuge­hörige Lit­er­at­u­rauswahl (2b), wie sie beispiel­haft in der zu bewälti­gen­den Exa­m­enslit­er­atur (Volk­slieder, Kun­stlieder, Arie, 1 Stück nach 1950, meist Song) zu find­en ist.

Prob­lem­be­wusst­sein und Lösungsan­sätze

Es zeigte sich in den Gesprächen, dass sich diesen in der Aus­bil­dung als defiz­itär emp­fun­de­nen The­men­bere­ichen zum Teil schon zuge­wandt wurde und Lösungsan­sätze aus­pro­biert wur­den. Sie wer­den hier the­ma­tisch geord­net aufge­lis­tet:

The­ma 1: Kinder- und Jugend­stimm­bil­dung

1a: Für Ver­mit­tlung von Wis­sen über Kinder und Jugend­stimm­bil­dung wurde aus­ge­hend von der Pro­fes­sur für Chor­leitung inner­halb des Insti­tuts für Musikpäd­a­gogik ein inter­diszi­plinäres Sem­i­nar in Zusam­me­nar­beit mit ein­er Gesangspäd­a­gogin der Hochschule ange­boten, in dem ein Teil dem Bere­ich Stimm­phys­i­olo­gie und Stimmkunde zufiel. Im kom­menden WS 25/26 wird es ein weit­eres inter­diszi­plinäres Sem­i­nar geben mit dem Titel „Sin­gen mit Kindern und Jugendlichen“, in dem es speziell um die fehlen­den Inhalte geht. Es bleibt aber die Frage, wie sich diese The­matik in den beste­hen­den Gesang­sun­ter­richt inte­gri­eren lässt, ohne dass ein zusät­zlich­es Sem­i­nar belegt wer­den muss.

1b. Das Erler­nen und Üben von Stimm­bil­dung find­et bis­lang nur als
cho­rische Stimm­bil­dung in den Chören mit Studieren­den, Kinder­stimm­bil­dung im Mod­ul Kinder­chor­leitung statt. Hier gibt es auch Ideen zur Zusam­me­nar­beit mit Schulchören. Kinder- und Jugend­chorstimm­bil­dung unter der Anleitung von Sänger:innen und mit Schulk­lassen gibt es zurzeit nicht. Es wurde auch schon erprobt, Stimm­bil­dung für und mit Kindern an Schulen mit einem Gesangslehrer durchzuführen. Hierzu wur­den in  Zusam­me­nar­beit mit dem For­mat „Singt euch ein“ Prak­tikum­splätze für Studierende ange­boten. Bei diesem Pro­jekt gehen aus­ge­bildete Sänger:innen regelmäßig zum Sin­gen in Schulk­lassen, sodass Studierende davon ler­nen kön­nen, was aber bis­lang nur zusät­zlich zum Studi­um ange­boten wer­den kon­nte. Auch ein Ver­such, mit Studieren­den­grup­pen im Rah­men von Gesang­sun­ter­richt in Schulk­lassen zu gehen, um dort unter stimm­bild­ner­ischen Gesicht­spunk­ten mit Kindern zu sin­gen, wurde ges­tartet.

The­ma 2: Rock-und-Pop-Gesang vs. klas­sis­ch­er Gesang

Dieses The­ma kor­re­spondiert mit der Prax­is­beschrei­bung der Musik­lehrkräfte: In der Schul­prax­is wer­den vor allem Rock-und Pop­songs gesun­gen. Um diese zu sin­gen und anzuleit­en, ist eine Aus­bil­dung nötig. Von Hochschul­seite wurde das Prob­lem beschrieben, dass zurzeit noch viele Hochschullehrende im Fach Gesang klas­sisch aus­ge­bildet wor­den seien und nur sehr wenige eine Aus­bil­dung im Fach­bere­ich Pop­u­lar-Gesang haben. Viele wür­den sich unsich­er und in diesem Bere­ich unaus­ge­bildet fühlen. Der Notwendigkeit, den Fach­bere­ich des Rock-und-Pop-Gesangs stärk­er ein­beziehen zu müssen, ist man sich bewusst.

So wurde eine hochschulin­terne, frei­willige, aber sehr gut angenommene Weit­er­bil­dung in Form von Work­shops für Gesangspädagog:innen der HMT ange­boten, in denen Gesang­stech­niken des Rock- und Popge­sangs erlernt und erprobt wur­den. Diese Weit­er­bil­dun­gen wer­den regelmäßig durchge­führt, um miteinan­der dieses Feld zu erschließen. Später kön­nten diese Weit­er­bil­dun­gen auch für Studierende geöffnet wer­den. Weit­ere Lehrkräfte mit dieser Aus­bil­dung sollen gewon­nen wer­den, was aber nicht die Weit­er­bil­dun­gen der klas­sisch aus­ge­bilde­ten Lehrkräfte erset­zen kann. Auch ini­ti­iert der Fach­bere­ich Gesang regelmäßige Musi­cal­pro­jek­te mit Studieren­den, in denen diese sich in diesem Genre aus­pro­bieren kön­nen.

Es gibt weit­ere Ideen zur über­fach­lichen Zusam­me­nar­beit zur Stärkung der für die Schul­prax­is benötigten Kom­pe­ten­zen mit dem Ziel, nicht zusät­zliche Pro­jek­te und Unter­richte anbi­eten zu müssen und keine Mehrar­beit für Studierende zu gener­ieren. Einige dieser Ideen wur­den zusam­menge­tra­gen und sollen hier aufgezählt wer­den:

  • Im Gesang­sun­ter­richt kön­nten die SchuPra-Lieder gesan­glich erar­beit­et wer­den, damit die Sicher­heit im Zusam­men­spiel mit der eige­nen Begleitung gestärkt wird. SchuPra-Lehrende kom­men meist von der Klavier­prax­is, haben sel­ten in der Schule (oder mit Chören) als Singenleiter:innen gear­beit­et und sind selb­st meist keine Sängeri:nnen. Hier würde die Zusam­me­nar­beit mit dem Fach­bere­ich Gesang ins­ge­samt helfen.
  • In Zusam­me­nar­beit zwis­chen den Fach­bere­ichen Gesang und SchuPra gibt es schon gemein­same sing-along-Abende, die Freude am gemein­samen Musik­machen in den Vorder­grund rück­en, das eigene laute Vorsin­gen zu Anleitungszweck­en trainieren und Mut dazu machen sollen. Auch kann hier das sin­gende Anleit­en vom Instru­ment aus geübt wer­den.
  • Im Gesang­sun­ter­richt wer­den die Lieder aus Musi­cal-, Chor- und Konz­ert­pro­jek­ten gesan­glich erar­beit­et.
  • Auch wer­den gemein­same Prü­fungs­for­mate zwis­chen dem Fach­bere­ich SchuPra und Gesang angedacht, die beispiel­sweise in ein­er gemein­samen Lieder­stunde mit Präsen­ta­tio­nen stat­tfind­en kön­nten. Die inhaltlichen Anforderun­gen der Abschlussprü­fun­gen in den Fäch­ern Gesang und SchuPra kön­nten verän­dert wer­den; weg von solis­tis­chen Einzel­prü­fun­gen hin zu Prü­fungs­for­mat­en, die nah an der zu entwick­el­nden beru­flichen Prax­is als Singe-Anleiter:innen angelehnt sind. Lehrende ori­en­tieren sich in ihrem Unter­richt an den Prü­fung­sor­d­nun­gen: sie fra­gen sich, was die Studieren­den abliefern und kön­nen müssen, um eine gute Note zu bekom­men. Die Ermöglichung eines guten Exa­m­ens ist ihre Ver­ant­wor­tung und auch als Dozierende wer­den sie an den Prü­fungsleis­tun­gen ihrer Studieren­den gemessen. Nur mit einem anderen Prü­fungsin­halt kön­nte auch der Unter­richt weniger auf solis­tisch zu bewälti­gende, an klas­sis­chen stilis­tis­chen Regeln (kom­pos­i­torisch, lit­er­arisch, tech­nisch) ori­en­tierte Exa­m­en­sprü­fun­gen aus­gerichtet wer­den, son­dern sich mehr den Inhal­ten der in Schule benötigten Kom­pe­ten­zen wid­men.

Abschließend wurde zusam­men­fassend ein hoff­nungsvolles Faz­it gezo­gen.

Faz­it

Gesang­sun­ter­richt in der Hochschule ist etwas anderes als schulis­ches Sin­gen im Musikun­ter­richt. Gesang­sun­ter­richt in den päd­a­gogis­chen Stu­di­engän­gen in der Hochschule und Sin­gen in der Schule haben unter­schiedliche Unter­richts­ge­gen­stände, beziehen sich aber bei­de auf Musik-Machen bzw. Sin­gen, und sie haben als gemein­sames Ziel, dass in den Schulen Kinder und Jugendliche gerne und viel sin­gen und dass Lehrkräfte sie dazu ermuntern kön­nen. Gesang­sun­ter­richt bere­it­et Studierende auf ihre Auf­gaben als Singe-Anleiter:innen mit Kindern und Jugendlichen vor.

Studieren bleibt ein Stück ‚Ler­nen unter Laborbe­din­gun­gen‘. Und der Wun­sch, mehr mit Kindern und Jugendlichen gemein­sam zu ler­nen, im Schüler:innenkontakt zu ler­nen, bleibt ein zu bear­bei­t­en­des Feld. Manche Bil­dungsin­halte kön­nen ohne Verbindung dieser bei­den Sphären nicht oder nur schlecht ange­boten und erwor­ben wer­den. So scheint es mit den Kom­pe­ten­zen B und C, dem ‚hand­lung­sprak­tis­chen Anleitungskön­nen‘ und dem ‚päd­a­gogis­ches Kön­nen‘ zu sein, wie beispiel­sweise an der The­matik der Kinder- und Jugend­stimm­bil­dung deut­lich wird. Für andere The­men­bere­iche, wie der Aus­bil­dung des Kom­pe­tenzbere­ichs A, der Aus­bil­dung der ‚Sicher­heit der eige­nen kün­st­lerisch-prak­tis­chen Fähigkeit­en‘, reicht das ‚Studieren unter Laborbe­din­gun­gen‘. Allerd­ings müssen die Stu­di­en­in­halte immer wieder mit den sich verän­dern­den Prax­isan­forderun­gen abgeglichen wer­den, wie am The­ma des Ein­bezugs von Lit­er­atur und Gesang­sprak­tiken der Rock- und Pop­musik als Stu­di­en­in­halt sicht­bar wird.

Aus­blick

Dieser Podi­ums­diskus­sion schlossen sich weit­ere Gespräche an, in denen Ideen zur Zusam­me­nar­beit und gegen­seit­i­gen Unter­stützung zwis­chen Lehren­den der unter­schiedlichen Fach­bere­iche aufka­men. So ist eine Gesprächs­fort­set­zung zwis­chen Hochschullehren­den und erfahre­nen Lehrper­so­n­en aus der Schul­prax­is gewün­scht und angedacht. Die Zielset­zun­gen, Prob­leme und Wün­sche der in der Schul­prax­is täti­gen Kolleg:innen soll­ten eine direk­te Reflex­ion und Antwort auf Hochschulebene erfahren. Der immer wiederkehrende Abgle­ich der Lehre von Hochschultäti­gen mit der Real­ität von Musik­lehren­den im Musikun­ter­richt in Schulen kann zu ein­er besseren Zielbes­tim­mung des eige­nen Unter­richts in der Hochschule in Hin­blick auf rel­e­vante Kom­pe­ten­zen von ange­hen­den auszu­bilden­den Musik­lehrkräften führen, und den Blick für eine Nach­s­teuerung und Neu­justierung des eige­nen Unter­richt­spro­fils öff­nen.

 


Lit­er­atur

Gün­ster, A.: Sin­gende Sub­jek­te pro­duzieren: Eine diskur­s­an­a­lytis­che Studie zu Wis­sensor­d­nun­gen und Regierung­sprak­tiken in musik­di­dak­tis­chen Zeitschrifte­nar­tikeln über das Sin­gen im Musikun­ter­richt. 2023, Wax­mann. https://doi.org/10.31244/9783830996958

Krane­feld, U., & Krause, M.: Vom Sinn des Sin­gens — Rekon­struk­tion von Begrün­dungszusam­men­hän­gen. In: Sin­gen und Ler­nen: Per­spek­tiv­en auf schulis­che und außer­schulis­che Vokal­prax­is (S. 119–138). Shak­er. 2012.

Lehmann-Wermser, Andreas:. Sin­gen im Unter­richt zeit­enüber­greifend. In: Andreas Lehmann-Wermser u. Anne Niessen: Aspek­te des Sin­gens. Ein Stu­di­en­buch (S. S. 78–110). Wißn­er. 2008.

Lehrplan Grund­schule Musik, https://www.schulportal.sachsen.de/lplandb/index.php?lplanid=75&lplansc=30QtKZvwfsWcEAE3UmEf&token=729b071a0ebaeec3ad3eed6ad812a665#page75_3730 (Stand: 20. April 2025).

Lehrplan Gym­na­si­um Musik, https://www.schulportal.sachsen.de/lplandb/index.php?lplanid=151&lplansc=kt59cSJLV8VXDSSgWXfa&token=3f989eef02e0f1699cac9b2b77f63761 (Stand: 20. April 2025)

Lehrplan Ober­schule Musik, https://www.schulportal.sachsen.de/lplandb/index.php?lplanid=148&lplansc=ZCk2Mo7IXHNveK0od4BU&token=1da06d575c202199f2375c7f716e56f4#page148_40694 (Stand: 20. April 2025)

Staat­sex­a­m­en Lehramt an Grund­schulen – Fach Musik -. Staat­sex­a­m­en Lehramt an Gym­nasien – Fach Musik -. Staat­sex­a­m­en Lehramt an Ober­schulen – Fach Musik -. (2025). https://www.hmt-leipzig.de/hochschule/fachrichtungen-institute/musikpaedagogik/studieninformationen/studiengang/staatsexamen-lehramt

  • 27. November 202519. Januar 2026
Einleitung zu den Kurzbeiträgen
Funktionale Stimmbildung zwischen Körper und Leib.
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