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Catrein, Susanne: Spielweisen und Wissen. Interdiskursive Bildung in den performativen Künsten

Christina Griebel

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Rezen­sion

Das Ein­gangs­bild zeigt Char­lie Chap­lin. In gestreifter Schürze, zwei gewaltige Schrauben­schlüs­sel in der Hand. – Das Bild, ein Still aus dem Film Mod­ern Times, ist ikonisch gewor­den für die Isolierung eines Hand­griffs aus jeglichem Sinnzusam­men­hang oder, all­ge­mein­er gesprochen, für jegliche Fachid­i­otie. Chap­lins Fig­ur Tramp kann auch nach Ver­lassen des Arbeit­splatzes nicht von der ein­studierten Bewe­gung lassen.

Gäbe es auss­chließlich Speziald­iskurse, könne nicht über deren Gren­zen hin­aus kom­mu­niziert wer­den: Dieser Satz zieht sich als Leitgedanke durch die so anspruchsvolle wie lesenswerte Studie, die mit dem August‑Grisebach‑Preis der Uni­ver­sität Hei­del­berg aus­geze­ich­net wurde. Susanne Catrein unter­sucht darin auf bre­it­er Basis die bilden­den Poten­tiale inter­diskur­siv­en Denkens in den per­for­ma­tiv­en Kün­sten anhand der sich verän­dern­den The­o­rien the­atraler Spiel­weisen von der Ablö­sung der poly­pho­nen Spek­takelkul­tur durch die Schaus­pield­iskurse ein­er sit­tlichen Erziehung im 18. Jahrhun­dert bis hin zum poly­pho­nen Spiel eines Robert Wil­son im The­ater der Gegen­wart. Das Buch zeigt überzeu­gend, dass The­ater, Per­for­mance und Schaus­piel nicht nur ästhetis­che Erfahrun­gen liefern, son­dern auch Wis­sen in vielfälti­gen For­men gener­ieren, das über Diszi­plin­gren­zen hin­aus­re­icht.

Susanne Catrein entwick­elt den Begriff der inter­diskur­siv­en Bil­dung, um die Ver­flech­tung von per­for­ma­tiv­en Prak­tiken mit Wis­sens­diskursen aus Psy­cholo­gie, Päd­a­gogik, Philoso­phie, Natur­wis­senschaften und Gesellschaft­s­the­o­rie zu beschreiben. Die per­for­ma­tiv­en Kün­ste wer­den somit als Lern- und Bil­dungsräume ver­standen, in denen ästhetis­che, kog­ni­tive und soziale For­men von Wis­sen in per­for­ma­tiv­en Wech­sel­wirkun­gen zwis­chen Akteur*innen und Pub­likum erzeugt wer­den. Diese Per­spek­tive erlaubt es, The­ater als Ort der rela­tionalen Wis­senspro­duk­tion zu begreifen.

In dicht­en, ver­gle­ichen­den Analy­sen analysiert die Autorin in his­torisch­er Chronolo­gie rel­e­vante diskur­sprä­gende Spiel­weisen: Von Less­ing und Sainte-Albine, Ric­coboni und Diderot über Stanislavski­js psy­choph­ysis­ch­er Schaus­piel­methodik ver­sus Brechts epis­chem The­ater bis hin zu zeit­genös­sis­chen Per­for­mances von Tino Seh­gal oder Rim­i­ni Pro­tokoll zeigt sie, wie die jew­eilige Prax­is auf spez­i­fis­che Wis­sensor­d­nun­gen zugreift, sie benutzt, teil­weise unter­wan­dert, weit­er entwick­elt und trans­formiert. So wird inter­diskur­sive Bil­dung in ihrer the­atralen Anwen­dung sicht­bar als ein Prozess, der Fig­uren, Per­for­mende und Pub­likum in wech­sel­seit­ige Lern­beziehun­gen set­zt und somit wiederum diskur­sive und ästhetis­che Wis­sens­for­men gener­iert, die sich in the­atrale und per­for­ma­tive Prak­tiken der Gegen­wart hinein öff­nen, ohne jedoch die Erin­nerung an ihre Genese zu ver­lieren. Überzeu­gend gelingt hier eine the­o­retis­che Ver­schränkung von Ästhetik und Bil­dung, die zeigt, dass per­for­ma­tive Prak­tiken nicht nur Wis­sen trans­portieren, son­dern es selb­st im Vol­lzug gener­ieren. Die tre­ff­sich­er gewählten Posi­tio­nen bilden in der ver­gle­ichen­den Methodik ihrer Darstel­lung ein Nar­ra­tiv der prä­gen­den Spiel­weisen vom Schaus­piel des 18. Jahrhun­derts bis in die diszi­plinäre Trans­ver­sal­ität per­for­ma­tiv­er Prax­en in der Gegen­wart. Ins­beson­dere die Konzepte der Poly­phonie (Jelinek/Beier), der kör­per­lich-psy­chis­chen Wech­sel­wirkung (Stanislavskij) und der reflex­iv­en Par­tizipa­tion (Sehgal/Rimini Pro­tokoll) wer­den mit Blick auf Bil­dung­sprozesse les­bar und verdeut­lichen, dass Men­sch, Kör­p­er und Wis­sen inter­de­pen­dent sind, ein Gedanke, der nicht zulet­zt mit Blick auf posthu­mane Lesarten im Anthro­pozän rel­e­vant wird.

Susanne Catreins Buch, das nicht zulet­zt durch die Auswahl und Qual­ität der gewählten Abbil­dun­gen überzeugt, ist ein gle­icher­maßen fundiertes und inno­v­a­tives Plä­doy­er für ein erweit­ertes Ver­ständ­nis von The­ater, Per­for­mance und Bil­dung. Inter­diskur­sive Bil­dung wird darin als prozesshaftes, rela­tionales und mul­ti­di­men­sion­ales Phänomen sicht­bar, das ästhetis­che Prax­is, Wis­sens­ge­nese und soziale Erfahrung miteinan­der verknüpft. Für Studierende, Forschende, Lehrende bietet dieses Buch einen inno­v­a­tiv­en Ansatz, die Bil­dungskraft der Kün­ste über diszi­plinäre Gren­zen hin­aus zu denken. Und für Char­lie Chap­lins Tramp, wäre ihm denn rück­wirk­end noch zu helfen, den Moment, in dem er die bei­den Schrauben­schlüs­sel fall­en lassen und frei, mit offen­em, neugierigem Blick, sein­er Wege gehen kann. Ob es ein Zufall ist, dass die Rezensentin, so oft sie auch das Buch zur Hand nimmt, zunächst Spiel­wiesen des Wis­sens liest?

  • 14. April 202614. April 2026
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